DEFA-Chronik für das Jahr 1992
Februar 1992
16. Februar
Während der 42. Internationalen Filmfestspiele Berlin feiert Peter Rochas Dokumentarfilm DIE SCHMERZEN DER LAUSITZ seine Uraufführung. In ausgedehnten Luftaufnahmen über ausgekohlte Tagebaue, unterlegt mit bedrohlicher elektronischer Musik, macht das Werk die Verwüstung der Lausitz und den Verlust der sorbischen Heimat sichtbar. „Wir sind noch zu retten. Bürger helft“ – dieser Appell an einem verfallenden Haus markiert den Beginn des Films. In Interviews schildern Arbeiter, der Baggerführer und Liedermacher Gerhard Gundermann, der Schriftsteller Jurij Koch sowie der Landschaftsarchitekt Otto Rindt ihre tiefe Sorge um den Erhalt von Natur, Kultur und Landschaft. Auch Heinjak Strittmatter, der Bruder Erwin Strittmatters, kommt zu Wort. Nach HOCHWALDMÄRCHEN und LEBEN AM FLIESS bildet dieser dritte Teil von Rochas Trilogie den Abschluss der Auseinandersetzung des Regisseurs mit den Themen Ökologie, Umweltschutz und dem bedrohten Landleben im Spreewald.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 199; Filmspiegel, 10/1990, S. 14; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 200)
März 1992
Der langjährige Direktor des DEFA-Studios für Trickfilme, Thomas Wedegärtner, wird fristlos entlassen. Die nachfolgenden Geschäftsführer aus den alten Bundesländern beziehen Gehälter, die den üblichen Rahmen des Studios bei Weitem übersteigen, legen jedoch keine nachhaltigen Konzepte vor. Investitionen, Aufträge und Kredite bleiben in der Folge aus. Gleichzeitig stoßen Initiativen aus der Stammbelegschaft auf strikte Ablehnung – so auch ein Entwurf der Dramaturgin Hedda Gehm.
(Sabine Scholze: Die Wende und die Zeit danach. In: Die Trickfabrik. DEFA-Animationsfilme 1955-1990. [Hrsg. Ralf Schenk/Sabine Scholze]. Dresden/Berlin 2003, S. 369-378)
18. März
Heiner Carow feiert Premiere mit seinem Film VERFEHLUNG. Nach der gleichnamigen Novelle von Werner Heiduczek inszeniert Carow für die DEFA-Studio Babelsberg GmbH in Koproduktion mit der Von Vietinghoff Filmproduktion GmbH zwischen Dezember 1990 und März 1991 diese End-DDR-Tragödie. Für die Hauptrolle gewinnt er erneut Angelica Domröse, die das Land 1980 verlassen hatte. Den West-Geliebten verkörpert Gottfried John, bekannt aus verschiedenen Produktionen von Rainer Werner Fassbinder. Wie bereits in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA stellt Carow eine kompromisslose Liebe ins Zentrum der Handlung. Doch in diesem Werk führen Misstrauen, Karrierismus sowie die ideologische Enge von Umfeld und Staat zur unausweichlichen Zerstörung von Liebe und Familie. In der Neuen Zeit resümiert Michael Hanisch: „Der Totentanz einer Gesellschaft ist beendet, aber die Überlebenden sind so unglücklich wie zuvor. Eine Metapher für das Schicksal vieler Menschen hierzulande.“
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 51f; Neue Zeit, 4. Februar 1991, S. 12; 19. März 1992, S. 13; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 990f; Angelica Domröse: Ich fang mich selbst ein, Mein Leben. Bergisch Gladbach 2003, S. 342ff)
April 1992
Ende April beschließt die Treuhandanstalt den Verkauf der Immobilie des Berliner Dokumentarfilmstudios an die Kirch-Gruppe (Taurus Verwaltungsgesellschaft mbH für Beteiligungen und Co. KG). Der Vertrag sieht vor, dass lediglich 20 Beschäftigte für Verwaltungs- und Dienstleistungsaufgaben übernommen werden, während weitere 16 Personen nach Babelsberg wechseln; die übrigen Mitarbeiter erhalten die Kündigung. Die Gebäude in der Jägerstraße 27–32 werden umgehend für den Sender Sat.1 ausgebaut. Die verbliebenen 20 Mitarbeiter ziehen an den Standort Berlin-Johannisthal in die Flughafenstraße 6 um. Dort arbeiten sie bis 1998 unter dem Namen DEFA Studio für Dokumentarfilme GmbH i. L. an der Abwicklung der verbliebenen Projekte. Am selben Standort befindet sich die ebenfalls von Kirch erworbene Johannisthal Synchron GmbH, die aus der vormaligen DEFA Synchron Berlin GmbH hervorgegangen ist.
(Heidemarie Hecht: Der letzte Akt 1989 bis 1992. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 255)
Juli 1992
1. Juli
Nach dem Verkauf des Standortes in der Jägerstraße wird der in Babelsberg (Alt-Nowawes) verbliebene Teil des DEFA-Studios für Dokumentarfilme in die „Dokfilm Gesellschaft für Film-, Video- und Fernsehproduktionen mbH“ umgewandelt. Das Unternehmen verbleibt vorerst im Besitz der Treuhandanstalt. Dem als fähig geltenden Geschäftsführer Friedrich Seidel wird gekündigt. Ab Sommer 1992 verschwindet der Name DEFA aus den Abspannen neuer Dokumentarfilmproduktionen.
In den folgenden Jahren vollzieht sich das Ende des Standortes in Raten: Es folgen der Verkauf an das Filmhaus München, die Rückabwicklung durch die Treuhand und schließlich die Überführung in die Liquidation bis zum Jahr 1997. Der Personalabbau verdeutlicht den Niedergang: Von ursprünglich 900 Mitarbeitern im Bereich Dokumentarfilm sind Ende 1990 noch 350 fest angestellt; diese Zahl sinkt über 215 (Ende 1991) und 64 (Sommer 1994) auf lediglich 48 Beschäftigte zu Beginn des Jahres 1995. Renommierte Regisseure realisieren hier keine Projekte mehr; die Industriewerbung bleibt das einzige aktive Geschäftsfeld.
(Heidemarie Hecht: Der letzte Akt 1989 bis 1992. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 255-257; Neue Zeit, 4. Juli 1992, S. 7, 14. Juli 1993, S. 11; Berliner Zeitung, 8. November 1993, S. 31)
August 1992
21. August
Der Filmkritiker, Filmautor, Lyriker und Künstler Rolf Richter stirbt im Alter von 59 Jahren. Als einer der profiliertesten Filmkritiker der DDR prägte er die Kinolandschaft maßgeblich. Gemeinsam mit dem Regisseur Eduard Schreiber realisierte er bedeutende DEFA-Dokumentarfilme, darunter DAS WECHSELVOLLE LEBEN DES DEUTSCHEN MALERS UND GLÜCKSUCHERS HEINRICH VOGELER (1979) und THE TIME IS NOW – JETZT IST DIE ZEIT (1987). Im Jahr 1989 wurde Richter zum Leiter jener Kommission berufen, die sich der Rehabilitierung und Wiederaufführung der 1965 verbotenen DEFA-Filme widmete. Darüber hinaus verlieh er dem Filmkunsttheater Babylon ein neues Profil und leitete gemeinsam mit Erika Richter die Redaktion der Fachzeitschrift „Film und Fernsehen“.
(Film und Fernsehen, 2/1994, S. 5; ND, 31. August 1992)
25. August
Der französische Mischkonzern CGE (Compagnie Générale des Eaux) erwirbt über seine Tochtergesellschaft CIP (Compagnie Immobilière Phénix) die DEFA-Studio Babelsberg GmbH für 130 Millionen DM von der Treuhandanstalt. Mit der Übernahme erfolgt die Gründung der Studio Babelsberg GmbH unter der Leitung von Pierre Couveinhes und dem Regisseur Volker Schlöndorff. Zum Zeitpunkt des Verkaufs beschäftigt das Studio noch 700 Mitarbeitende, deren Weiterbeschäftigung bis Ende 1994 vertraglich zugesichert ist. Das erworbene Areal umfasst 46 Hektar und ist für eine kulturelle Nutzung vorgesehen. Der ebenfalls übernommene Name „DEFA“ findet keine Verwendung mehr; das Unternehmen firmiert fortan als „Studio Babelsberg“. Um die laufenden Ausgaben der Filmgesellschaft zu finanzieren, veräußert die CIP das Grundstück umgehend für 280 Millionen DM an eine Konzerntochter weiter. Die bisherigen DEFA-Geschäftsführer sowie Prokurist Werner Selignow verbleiben bis zum 30. Juni 1995 im Amt, um die Erstellung rechtskonformer und testierter Bilanzen abzuschließen.
(Bärbel Dalichow: Das letzte Kapitel 1989 bis 1993. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 342-353; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Gespräch mit Volker Schlöndorff. In: Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006, S. 512-538; Dorett Molitor & Gert Golde: Ein Arbeitsleben für die DEFA. Der letzte Generaldirektor des Spielfilmstudios im Gespräch. DEFA-Stiftung 2018, S. 260)
September 1992
30. September
Roland Gräf inszeniert im Sommer 1991 als Koproduktion des DEFA-Studios für Spielfilme mit dem WDR die Krimikomödie DIE SPUR DES BERNSTEINZIMMERS, die am 30. September 1992 Premiere feiert. Die Öffnung bisher gesperrter Regionen des ehemaligen Ostblocks nach 1990 lässt die reale Suche nach der bei Kriegsende in Königsberg verschollenen Ausstattung des Petersburger Zarenpalastes wieder aufleben. Das Szenarium zum Film lag bei der DEFA bereits seit 1988 vor, angeregt durch ein Buch des DDR-Bernsteinzimmerforschers Paul Enke. Mit einer stringenten Fabel und einer bis in die Nebenrollen exzellenten Besetzung – darunter Corinna Harfouch, Kurt Böwe, Uwe Kockisch, Michael Gwisdek, Käthe Reichel sowie Ulrich Tukur in seiner einzigen DEFA-Rolle – erhält das Werk positive Kritiken. Lediglich ein dezenter Hauch von DDR-Nostalgie wird von einigen Rezensenten moniert. DIE SPUR DES BERNSTEINZIMMERS markiert den letzten Kinofilm des damals 57-jährigen Roland Gräf.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 70; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 866f)
November 1992
17. November
Ulrich Weiß’ Endzeitparabel MIRACULI, eine Koproduktion des DEFA-Studios für Spielfilme mit der Schweizerischen CSM Filmproduktion, feiert Premiere. Nachdem der Regisseur bei der DEFA aufgrund seines Films DEIN UNBEKANNTER BRUDER (1981) in Ungnade gefallen war, erhält er von der neuen Leitung nach Jahren die Chance für ein weiteres Spielfilmprojekt. MIRACULI thematisiert in metaphorischen Bildern das Scheitern der sozialistischen Utopie, die für viele von einer Hoffnung zum Albtraum mutierte.
Mit dem wiederkehrenden Motto „Wer eine Vergangenheit hat, muss die Zukunft nicht fürchten“ spannt Weiß den inhaltlichen Bogen jedoch weit über die Tagespolitik hinaus. Ulrich Weiß, den staatliche Stellen der DDR wiederholt zur Ausreise in den Westen drängen wollten, reflektiert später seine Stimmung während der Dreharbeiten: „Vielleicht sollte man besser schweigen. Jedenfalls habe ich seit 1989 ganz absichtsvoll geschwiegen, um nicht im Geschrei der vielen Opfer, die vorher geschwiegen haben, verwechselt zu werden. […] Wie die Mauer dann hochging, das war ein Schlag, obwohl ich gern über gute Witze lache. […] Ich sah die Probleme, die auf uns zukommen würden. Für mich war das Erlebnis des jubelnden Kleinbürgers das Erlebnis einer Niederlage…“ MIRACULI bleibt der letzte Spielfilm des 50-jährigen Ulrich Weiß. Erika Richter bezeichnete ihn als einen „Tabu- und Regelbrecher, der in keine Zeit und keine Gesellschaft passte“.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1990, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 40; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 611f; Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006 S. 477ff; Ralf Schenk: Zum Tod des Regisseurs Ulrich Weiß. Filmdienst, 23. Mai 2022; Abruf: 23. Mai 2025)
Dezember 1992
Das Dresdner Trickfilmstudio (nunmehr DEFA Dresden GmbH) wird einschließlich der Immobilie in der Kesselsdorfer Straße 208 an den MDR verkauft und in die DREFA Filmatelier GmbH umgewandelt. Eine Fortführung der Trickfilmproduktion an diesem Standort erfolgt jedoch nicht. Einst stellten hier rund 250 Beschäftigte, darunter 150 im künstlerischen Bereich, jährlich 60 bis 70 Filme her. Etwa 70 Prozent dieser Produktionen entfielen auf den Kinderfilm, wobei viele Werke kontinuierlich in über 70 Länder exportiert wurden. Das Erbe des DEFA-Animationsfilms wird heute vom Deutschen Institut für Animationsfilm (DIAF) in Dresden sowie der DEFA-Stiftung in Berlin verwahrt.
(Klaus-Dieter Felsmann: Eine Insel voller Schätze. Das DEFA-Trickfilmstudio Dresden vor dem Umbruch. Filmdienst 17/1991; Klaus-Dieter Felsmann: Perlen des Stillstands. Filmdienst 19/2003; Sabine Scholze: Die Wende und die Zeit danach. In: Die Trickfabrik. DEFA-Animationsfilme 1955-1990. [Hrsg. Ralf Schenk/Sabine Scholze].Dresden/Berlin 2003, S. 369-378)