Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1966

 

Januar 1966

Zum neuen Leiter des Instituts für Filmwissenschaft an der Deutschen Hochschule für Filmkunst wird Dr. Konrad Schwalbe berufen.
(Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 308) 

5. Januar/23. Januar

Der Regisseur Kurt Maetzig übt - wie gefordert - öffentlich Selbstkritik für seinen Film DAS KANINCHEN BIN ICH. Die Kritik erscheint als halbseitiger Artikel im ND und wird in diversen Tageszeitungen nachgedruckt. Am 23. Januar erscheint im ND die öffentliche Antwort Walter Ulbrichts Brief des Genossen Walter Ulbricht an Genossen Prof. Dr. Kurt Maetzig, der den Inhalt des 11. Plenums wiederholt, im Ton aber verbindlicher klingt.

Kurt Maetzig resümiert nach der Wende, dass der Briefwechsel halbe Schritte von beiden Seiten bedeutete und das Weiterarbeiten der Künstler ermöglichte. Ferner folgten auf solche gravierenden Anschuldigungen nicht wie in anderen sozialistischen Ländern in jedem Fall Verhaftungen, Prozesse und Gefängnis. Rolf Richter, Filmpublizist und -wissenschaftler, der ab Oktober 1989 die Kommission zur Wiederaufführung der verbotenen Filme leitet, schreibt 1990, dass die kulturpolitische Auswirkung des Kniefalls Maetzigs immens war: Der Brief formuliert einen Verhaltenskodex für die zukünftigen Beziehungen zwischen Künstlern und Partei, ja zwischen Intellektuellen und Partei. Es ist ein charakteristisches Dokument zum stalinistischen Verhältnis von Geist und Macht.“
(ND, 5. Januar 1966, S. 4.; 23. Januar 1966, S. 3; Rolf Richter: Weder Willkür noch Zufall. Motive der Macht zur Zeit des 11. Plenums. In: Film und Fernsehen. Berlin 1990, Heft 6, S. 41ff ; Erika Richter: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag 1961 bis 1965. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 196f; Ralf Schenk: Zeitzeugengespräch Kurt Maetzig 1999; Spur der Filme (Hrsg. Ingrid Poss, Peter Warnecke). Ch. Links Verlag Berlin 2. Auflage 2006; S. 206f); Ralf Schenk: Die Falken und die Tauben. In: Kunst unter Kontrolle. Edition text + kritik im Boorberg Verlag 2014, S. 91; Christiane Mückenberger: Kurt Maetzig. Mich interessiert immer der erste Schritt, das Entdecken, das Erfinden. Film-Interview. Akademie der Künste 2011; 40 Minuten)

6. Januar 

Im ND wird die öffentliche Selbstkritik Klaus Wischnewskis, Leiters und Hauptdramaturgen der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Heinrich Greif, in der DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE, FRÄULEIN SCHMETTERLING und SPUR DER STEINE produziert wurden, als ein halbseitiger Artikel unter der Überschrift Filmkunst als ideologische Waffe“ abgedruckt. Wischnewski räumt öffentlich ein, dass zu wenig an die Frage gedacht wurde, wie der Gegner auf die Filme reagieren wird. Man habe das parteiliche Herangehen vernachlässigt, Fehler und kritische Probleme im Vorwärtsschreiten zu lösen.
(ND, 6. Januar 1966, S. 4)  

12. Januar

Das ND vermeldet die Entlassung des Kulturministers Hans Bentzien auf der prominenten Seite 1: „Das Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrats teilt mit: Da die Leitung des Ministeriums für Kultur in letzter Zeit ihren Aufgaben nicht gewachsen war und ernste Fehler zugelassen hat, beschloss der Ministerrat, den Minister für Kultur, Hans Bentzien, von seiner Funktion zu entbinden.“ Diese ungewöhnliche Form ist offensichtlich nicht nur eine Information. Sie soll auch andere erreichen nach der alten Regel: „Bestrafe einen, erziehe 100“. Klaus Gysi, bisheriger Leiter des Aufbau-Verlages, wird als Nachfolger zum Minister für Kultur berufen
(ND, 13. Januar 1966, S. 1; Filmspiegel, 2/1966, S. 2; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 66)

20. Januar 

Das MfS beschließt im Ergebnis der scharfen Kritik an den Künstlern auf dem 11. Plenum, die „negativen Kräfte“ mit allen Mitteln zu bekämpfen, um jegliche Form von „ideologischer Diversion“ in Zukunft zu verhindern. Von den Filmschaffenden bzw. Film-Funktionären geraten Günter Witt, Kurt Maetzig, Wolfgang Kohlhaase, Frank Vogel, Jürgen Böttcher, Egon Günther und Manfred Bieler in den Fokus des MfS.
(Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung Berlin 2015, S. 140f)

27. Januar

Premiere des DEFA-Kinderfilms HAMIDA (R: Jean Michaud Mailland) in Koproduktion mit dem staatlichen tunesischen Filmunternehmen SATPEC.
(Filmspiegel, 17/1965, S. 12, 2/1966, S. 12-13, 3/1966, S. 8, 11/1966, S. 21)

Februar 1966

3.–10. Februar

In Algerien findet zum ersten Mal eine DDR-Filmwoche statt. Eröffnet wird die Veranstaltung mit dem DEFA-Film DIE ABENTEUER DES WERNER HOLT (R: Joachim Kunert). Weiterhin Teil des Programms sind NACKT UNTER WÖLFEN und KÖNIGSKINDER (beide R: Frank Beyer), MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER (R: Peter Palitzsch & Manfred Wekwerth), DIE MÖRDER SIND UNTER UNS und DER UNTERTAN (beide R: Wolfgang Staudte) und FOR EYES ONLY – STRENG GEHEIM (R: János Veiczi). Veranstalter ist die algerische Filmgesellschaft CNC.
(Filmspiegel, 4/1966, S. 3, 5/1966, S. 10-11)

3. Februar

Konrad Wolf, Regisseur und Präsident der Akademie der Künste, äußert sich öffentlich über das 11. Plenum. Sein Diskussionsbeitrag auf der VII. Zentralvorstandssitzung der Gewerkschaft Kunst wird unter der Überschrift Parteilichkeit und Freiheit der Kunst gehören zusammen als halbseitiger Artikel im ND abgedruckt.
(ND, 8. Februar 1966, S. 4)

7. Februar

Einführung des neuen Studiodirektors Franz Bruk am DEFA-Studio für Spielfilme (Direktor von 19661970) durch den Minister für Kultur, Klaus Gysi.
(DEFA–Blende, 3/1966)

10. Februar

Frank Vogel, der Regisseur von DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE schreibt eine „Selbstkritik“ unter der Überschrift „Ein ehrliches Bekenntnis“. Sie ist an die Zentrale Parteileitung des DEFA-Spielfilmstudios gerichtet und erscheint in der Betriebszeitung DEFA-Blende.
(DEFA-Blende Nr. 3/1966, S. 3; Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Berlin 2015, S. 475) 

17. Februar

Premiere des ersten „DEFA-Indianerfilms“ DIE SÖHNE DER GROSSEN BÄRIN (R: Josef Mach), der auf die Romanreihe von Liselotte Welskopf-Henrich über die Geschichte der indigenen Bevölkerung Nordamerikas zurückgeht. Inhaltlich und Gestalterisch hebt sich die DEFA-Produktion deutlich von den populären westdeutschen Karl-May-Verfilmungen um den fiktiven Apachen-Häuptling Winnetou ab. Die Außenaufnahmen entstehen überwiegend in Bosnien. Für die Hauptrolle des Tokei-ihto wird der Serbe Gojko Mitić besetzt, der zuvor bereits in den Karl-May-Verfilmungen Nebenrollen übernahm. Mitić wird zu einem der populärsten Stars der DDR aufsteigen und in elf weiteren DEFA-Filmen dieses Genres Hauptrollen übernehmen. Die Filme versuchen sich an historischen Tatsachen zu orientieren und beschränken sich nicht auf Geschichten einzelner indigener Figuren, thematisiert werden unter anderem Versuche eines friedlichen Zusammenlebens zwischen indigener Bevölkerung und Siedlern sowie das Leben in der Reservation.
(
Filmbibliografischer Jahresbericht 1965, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 29; FWM, 2/1966, S. 503-509; Filmspiegel, 3/1966, S. 15, 5/1966, S. 9; Kino DDR, 3/1966, S. 4-8, 4/1966, S. 9-11; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 832f)

17. Februar 

Der Club der Filmschaffenden der DDR verabschiedet eine Entschließung zur Gründung eines Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden.  

Einerseits nimmt das Bedürfnis der Film- und Fernsehschaffenden nach einer eigenen Organisation und Interessenvertretung seit einiger Zeit zu. Die Gründung des sowjetischen Filmverbandes im Jahr 1965 gibt dem zusätzliche Nahrung. Andererseits soll der Verband eine „Stätte politisch-ideologischen Meinungsaustauschs“ und ein „Instrument der Selbsterziehung“ sein. Der Zusammenhang zum 11. Plenum des ZK der SED (1965) und dessen Konsequenzen liegt auf der Hand.
(Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 244)

25. Februar

Der DEFA-Kinderfilm ALFONS ZITTERBACKE (R: Konrad Petzold) nach dem beliebten Kinderbuch von Gerhard Holtz-Baumert läuft in den Kinos an.

Die Zulassung wurde dem Film am 23. Dezember 1965 in Folge des 11. Plenums zunächst verweigert. In einer Stellungnahme heißt es: „Sollte der Film sein Publikum beeinflussen, so ist seine Wirkung auf keinen Fall positiv im Sinne der sozialistischen Erziehung der jüngeren Schuljugend zu werten.“ Nach umfangreichen Gesprächen wurde eine neue Schnittfassung des Films erstellt, die mit deutlichen Kürzungen einherging. Anstatt der ursprünglichen 87 Minuten wies die neue Fassung eine Länge von lediglich 68 Minuten auf. Um dadurch entstehende dramaturgische Lücken und Ungenauigkeiten zu schließen, wurde ein Off-Kommentar der Hauptfigur eingefügt. Aus Protest gegen die Kürzungen ließ Regisseur Konrad Petzold seinen Namen aus dem Vorspann des Films entfernen.

Nach der Wiedervereinigung wollte Petzold den Film in seiner ursprünglichen Form rekonstruieren, die herausgeschnittenen Szenen waren jedoch nicht mehr auffindbar.
(DEFA-Film des Monats:  Alfons Zitterbacke; Kino DDR, 4/1966, S. 12-15)

März 1966

18. März

Der abendfüllende DEFA-Dokumentarfilm ASSE (R: Karl Gass) über die Einsatzbereitschaft der Brigade Habener vom VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“ Magdeburg startet in den Kinos. Nach hunderten Gesprächen mit staatlichen Leitungen, Parteifunktionären u.a. wird eine „Schrittmacherbrigade“ von fast 50 jungen Schweißern für den zweiten Dokumentarfilm, als Fortsetzung von FEIERABEND, über den Aufbau der neuen Industriestadt Schwedt ausgewählt. Sie wird 1964 durch ihren oftmals chaotischen Arbeitsalltag und im Privatleben begleitet. Der „neue Mensch“ soll entdeckt werden.

Trotz der zu erkennenden erzieherischen Absicht, zeichnet ASSE ein realistisches Bild der Arbeits- und Lebensbedingungen der Bau- und Montagearbeiter: Improvisation und Provisorisches bei der Arbeit, Streit ums Geld, ein hoher Alkoholkonsum, Enge in den Quartieren. Sowohl FEIERABEND als auch ASSE werden offensichtlich deshalb nicht beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig gezeigt.
(FWM, 2/1966, S. 475-483; Filmspiegel, 3/1966, S. 5-7, 4/1966, S. 7; Kino DDR, 3/1966, S. 39-40; Film 66, Heft 5, S. 10-12; Hans-Jörg Rother: Auftrag: Propaganda. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 111f; Peter Warnecke: Lebenslauf Karl Gass . Filmmuseum Potsdam.)

18. März

Der von der DEFA als Auftragsproduktion für den Deutschen Fernsehfunk (DFF) produzierte Dokumentarfilm DER LACHENDE MANN (R: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann) läuft in den Kinos an.
(FWM, 3/4-1966, S. 678-696; Dokumentaristen der Welt, Berlin, 1982, S.175 -187; Hans-Jörg Rother: Auftrag: Propaganda. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 103f)

April 1966

15. April

Der nach dem 11. Plenum im Auftrag des Politbüros neuberufene Filmbeirat des Ministeriums für Kultur – ein scheinbar demokratisches Beratungsorgan – tagt erstmalig. Ihm wird der Film FRÄULEIN SCHMETTERLING zur Diskussion vorgeführt.
(ND, 13. Januar 1966, S. 1; Filmspiegel, 9/1966, S. 3)

23.–29. April

In Halle findet die erste Nationale Kinder- und Jugendfilmwoche der DDR statt. Zu Eröffnung läuft DIE REISE NACH SUNDEVIT (R: Heiner Carow). Veranstalter sin das Nationale Zentrum für Kinderfilm und -fernsehen der DDR, der Progress Film-Vertrieb und der Bezirkslichtspielbetrieb Halle.
(Filmspiegel, 12/1966, S. 18-19, 2/1977, S. 10-11; DEFA-Blende, 10/1966, 12/1966; Kinder - Film - Fernsehen – Filmerziehung, 1/1966, S. 5-26, II/1966, S. 145-151)

Mai 1966

10. Mai

Erich Engel (18911966), Regisseur wichtiger DEFA-Spielfilme in den Anfangsjahren der DEFA  AFFAIRE BLUM (1948), DER BIBERPELZ (1949) und GESCHWADER FLEDERMAUS (1958) stirbt.
(Information der HFF, Nr.3/4/5/6, 1976, S. 361-368; Filmspiegel, 15/1957, S. 6; Deutsche Filmkunst, 2/1961, S. 47-49; DEFA-Blende, 10/1966; Film und Fernsehen, 7/1981, S. 44-45; Film A–Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 84)

17. Mai

Verleihung des Heinrich-Greif-Preises 1966.

  • I. Klasse: An Günther Rücker für seinen DEFA-Spielfilm DIE BESTEN JAHRE.
  • II. Klasse: An die Schöpfer der Fernseh-Dokumentation HIMMELSSTÜRMER: Regisseur Klaus Alde, Textautor Karl Eduard von Schnitzler, Autor Karl-Dieter Seiffert und Militärhistoriker Job von Witzleben.
  • III. Klasse: An den Komponisten Günter Hauk für seine Filmmusiken, unter besonderer Berücksichtigung des DEFA-Spielfilms FOR EYES ONLY - STRENG GEHEIM.

(Filmspiegel, 11/1966, S. 2; DEFA-Blende, 10/1966)

22. Mai

Premiere des DEFA-Kinderspielfilms DIE REISE NACH SUNDEVIT (R: Heiner Carow). Carows zweite Adaption eines Buches von Benno Pludra ist eine spannend erzählte Geschichte um einen liebeswerten draufgängerischen Jungen, der, um zu seinem Reiseziel zu kommen, viele schwierige Situationen meistert
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1966, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 27; FWM, 3/4, 1966, S. 874-881; Filmspiegel, 5/1966, S. 12-13; Kinder - Film - Fernsehen - Filmerziehung, II/1966, S. 5-12; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 712ff)

Juni 1966

3. Juni

Der Vertrag über die Zusammenarbeit der Kinematographien der UdSSR und der DDR wird durch Dr. Wilfried Maaß, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der HV Film, und Wassili Baskakow, 1. Stellvertretender Vorsitzender des Komitees für Kinematographie beim Ministerrat der UdSSR unterzeichnet.
(Filmspiegel, 12/1966, S. 2)

15. Juni/30. Juni

Uraufführung des DEFA-Spielfilms SPUR DER STEINE (R: Frank Beyer) im Kino „Thalia“ in Potsdam-Babelsberg anlässlich der Arbeiterfestspiele. Die offizielle Premiere folgt am 30. Juni 1966 im Kino International. Nach acht Tagen Laufzeit wird der Film, den das Sekretariat des Politbüros der SED für schädlich hält, nicht mehr aufgeführt. Als Begründung wird eine angebliche Ablehnung durch das Publikum genannt. (Siehe auch ausführliche Chronologie unter „Nach 18. Dezember 1965“)
(Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Berlin 2015, S. 271-274)

24. Juni

Der Dokumentarfilm MEMENTO (R: Karlheinz Mund) läuft aks Vorfilm des DEFA-Spielfilms LEBENDE WARE (R: Wolfgang Luderer) in den Kinos an. Nach der literarischen Vorlage des Rabbiners Martin Riesenburgers „Und das Licht verlöschte nicht“ drehte Karlheinz Mund einen stillen verhaltenen Dokumentarfilm über die jüdischen Friedhöfe Berlins und das Schicksal der jüdischen Gemeinde Berlins während der Zeit des Nationalsozialismus.

Der am 30. Dezember 1965 noch ohne Einschränkungen zugelassene Kurzfilm wird im Januar 1966 im Hinblick auf die Westdeutschen Kurzfilmtage, wo der Film gezeigt werden soll, von der HV Film erneut geprüft und nun nur unter Auflagen freigegeben. Berührende Einstellungen von Gräbern, zu denen der Kommentar erklärt, dass die Gräber ungepflegt sind, weil keine Angehörigen mehr am Leben sind, fallen der Zensur zum Opfer. Hakenkreuzschmierereien müssen rausgeschnitten werden, dagegen muss ein Hinweis auf Schändungen jüdischer Friedhöfe in Westdeutschland eingefügt werden. Der wichtige Film wird 1966 auf dem Oberhausener Kurzfilmfestival gezeigt und erntet aufgrund der Polemik gegen Westdeutschland überwiegend Kritik.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1966, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 36; Hans-Jörg Rother: Auftrag: Propaganda. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 118; Christiane Mückenberger: Auseinandersetzung im DEFA-Dokumentarfilm mit dem deutschen Faschismus unter besonderer Berücksichtigung der fünfziger Jahre. In: Der geteilte Himmel. Reihe Close Up Nr. 13, Stuttgart 2000, S. 55; Jeanpaul Goergen: Beschädigungen. In: Leuchtkraft 2018, DEFA-Stiftung Berlin 2018, S. 100-113)

24.–26. Juni

Das erste Festival der sorbischen Kultur findet in Bautzen statt.
(FWB, 2/1980, S. 104)

Juli 1966

30. Juli

Premiere des DEFA-Spielfilms SCHWARZE PANTHER (R: Josef Mach) im Rahmen der Eröffnung der fünften Sommerfilmtage in der DDR. SCHWARZE PANTHER ist einer der wenigen Zirkusfilme der DEFA. Trotz einer dürftigen Handlung zieht er das Publikum durch den Auftritt Angelika Wallers mit den Panthern des DDR-Chefdomteurs Hanno Coldam, die 1966 eine Weltsensation waren, in seinen Bann. Coldam selbst tritt in seiner populären Nummer „Rasierlöwen“ als Clown mit einem Löwen auf.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1966, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 28; FWM, 3/4, 1966,S. 888-892; Kino DDR, 11/1966, S. 2; Filmspiegel, 14/1966, S. 12, 15/1966, S. 1, 18/1966, S. 9, 18/1966, S. 9; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 215; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 781f)

August 1966

23. August

Die Abteilung Kultur im ZK der SED und die zentrale Parteileitung des Studios für Spielfilme beraten über den Stand der Parteiauseinandersetzungen um SPUR DER STEINE. Sie machen Klaus Wischnewski, Konrad Wolf, Frank Beyer und Günter Karl als „Urheber der falschen ideologisch-ästhetischen Auffassungen“ aus und beschließen die Entlassung von Beyer und Wischnewski. Im September 1966 erhalten Frank Beyer und Klaus Wischnewski außerdem im Rahmen eines Parteiverfahrens eine „Strenge Rüge“. Die Künstlerische Arbeitsgruppe „Heinrich Greif“ wird aufgelöst.
(Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Berlin 2015, S. 275f; Ralf Schenk: Zeitzeugengespräch Klaus Wischnewski, 2000)

September 1966

Rolf Schnabel, Direktor für Wochenschau und Dokumentarfilme, übt in seinem Rechenschaftsbericht über die politisch- ideologische Situation nach dem 11. Plenum Kritik an den bisherigen Filmen seines Studios: Die ideologische Kampfbereitschaft müsse wesentlich erhöht werden.
(Jeanpaul Goergen: Beschädigungen. In: Leuchtkraft 2018, Journal der DEFA-Stiftung Berlin 2018, S. 100)

14. September

Konrad Wolf, Regisseur und seit Juni 1965 Präsident der Akademie der Künste, wird vor die Zentrale Parteileitung (ZPL) der DEFA geladen und zu einer Selbstkritik bezüglich seiner Rolle bei SPUR DER STEINE aufgefordert. In seiner schriftlichen Stellungnahme stellt er sich hinter die grundsätzliche Einschätzung der ZPL; er verteidigt zwar die Grundtendenz des Films, die er für progressiv im Sinne des Sozialismus hält. Kritisch sieht er das letzte Viertel des Films und er betont die Berechtigung des Ministers, anders zu entscheiden, als die Künstler es sahen. Wichtig ist ihm aber auch, dass die DEFA arbeitsfähig bleibt und weiter Gegenwartsfilme dreht. Er kämpft dafür, Frank Beyer für den DDR-Film zu erhalten.
(Konrad Wolf an die Zentrale Parteileitung der SED-Grundorganisation im VEB DEFA-Studio für Spielfilme. In Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage Berlin, 2000, S. 318-324; Spur der Steine. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg.): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006, S. 220-223)

Oktober 1966

6. Oktober

Verleihung des Nationalpreises für Kunst und Literatur 1966.

  • I. Klasse: An den Schauspieler und Volkssänger Ernst Busch
  • II. Klasse: An das Filmkollektiv des DEFA-Spielfilms SOLANGE LEBEN IN MIR IST um Horst E. Brandt, Günter Reisch, Horst Schulze und Michael Tschesno-Hell
  • II. Klasse: An die Schauspielerin Erika Dunkelmann, für ihre Darstellung im zweiteiligen Fernsehfilm DIE MUTTER UND DAS SCHWEIGEN (R: Wolfgang Luderer, 1965)
  • II. Klasse: An das Filmkollektiv der DEFA-Dokumentarfilme Der lachende Mann (Auftragsproduktion für den Deutschen Fernsehfunk) und KOMMANDO 52 um Peter Hellmich, Walter Heynowski und Gerhard Scheumann
  • II. Klasse: An das Kollektiv des Fernsehfilms Dr. Schlüter um Dr. Karl Georg Egel, Günter Eisinger, Achim Hübner, Larissa Lushina, Otto Mellies und Hans-Peter Minetti

(Filmspiegel, 21/1966, S. 3)

Dezember 1966

Infolge des 11. Plenums werden weitere Filme über die Geschichte und Gegenwart der DDR vor Drehbeginn oder während der Stoffentwicklung gestoppt: eine Adaption Horst Bastians Roman „Die Moral der Banditen“ (geplante Regie: Rainer Simon), die Erzählung „Ein sehr guter zweiter Mann“ von Stefan Heym, „Frau Flinz“ nach dem Schauspiel von Helmut Bairl, „Der untadlige Zeuge“, „Die Entscheidung“ nach Anna Seghers, „Haus unterm Regen“ nach Herbert Nachbar, „Schornsteinfeger und Wetterfahnen“, „Sigrid Voss“ von Helmut Sakowski, „Gestern, heut und morgen“ von Manfred Richter“, „Die lieben leichten Mädchen“ von Irmgart und Ulrich Seitel sowie angedachte internationale Produktionen „Der Fall Manouchian“ von Armand Gatti, „Die große Reise“ und „Brot für alle hat die Erde“ von Jorge Semprun.
(Ralf Schenk: Die Falken und die Tauben. In: Kunst unter Kontrolle. Edition text + kritik im Boorberg Verlag 2014, S. 96-99)

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