DEFA-Chronik für das Jahr 1984
1984 nehmen Regisseure, Kameraleute sowie Schauspielerinnen und Schauspieler der DEFA u.a. an folgenden erstmaligen Filmwochen im Ausland teil:
- im April: in Lissabon (Portugal) an der DDR-Filmwoche.
- im November: in Bogota (Kolumbien) an der Woche des DDR-Films.
Spiegelbildlich finden Filmwochen anderer Länder in der DDR statt. Darüber hinaus nehmen DEFA-Filmschaffende international an diversen Filmwochen und Festivals teil.
(Filmspiegel, 10/1984, S. 2; Berliner Zeitung, 28. November 1984, S. 7; Filmspiegel, 26/1984, S. 2)
Januar 1984
13. Januar
Eduard Schreibers Dokumentarfilm ABHÄNGIG kommt in die Kinos. Das Werk thematisiert mit dem Alkoholismus ein gesellschaftliches Tabu, das in der DDR trotz eines im internationalen Vergleich überdurchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauchs zumeist mit dem Mantel des Schweigens und der Gleichgültigkeit bedeckt wird. In sachlicher Form zeigt der Film alkoholkranke Arbeiter der Rostocker Neptun-Werft. Er dokumentiert die Bemühungen des Betriebes, den Betroffenen Hilfe anzubieten, und verdeutlicht dabei das ökonomische Eigeninteresse des Unternehmens an der Rehabilitation seiner Arbeitskräfte.
(FBJ 1983, S. 41; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 195)
19. Januar
Während der Dreharbeiten zu einer Fernsehserie in Jugoslawien stirbt der Regisseur Wolfgang Staudte im Alter von 77 Jahren. In den Gründungsjahren der DEFA schuf er mit Werken wie DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946), ROTATION (1949), DER UNTERTAN (1951) und DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK (1953) Filme von identitätsstiftender Bedeutung. Seit dem 1955 abgebrochenen Versuch, Brechts MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER zu verfilmen, war er nicht mehr für das Studio tätig, pflegte jedoch weiterhin freundschaftliche Beziehungen zur DEFA und blieb korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Nach seinem Ableben wird Staudtes künstlerisches Wirken in der DDR öffentlich gewürdigt.
(ND, 20. Januar 1984, S. 4; 21. Januar 1984, S. 4; 28. Januar 1984, S. 8; Informationsbulletin des VFF, 3/1984, S. 1; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 294-296; Filmspiegel, 4/1984, S. 28-29; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 225)
Februar 1984
3. Februar
Der DEFA-Dokumentarfilm ERINNERUNG AN EINE LANDSCHAFT – FÜR MANUELA unter der Regie von Kurt Tetzlaff kommt in die Kinos. Das Werk dokumentiert über einen Zeitraum von vier Jahren, wie südlich von Leipzig drei Dörfer der Erschließung eines Braunkohletagebaus weichen müssen. Der Film beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der notwendigen Sicherung der Energieversorgung und den gravierenden Auswirkungen auf Umwelt, Landschaft und Menschen. Damit gehört die Produktion zu den ersten Umweltfilmen des DEFA-Studios für Dokumentarfilme, nachdem dieses Thema noch Jahre zuvor als tabu galt. In der Folgezeit greifen auch Regisseure wie Eduard Schreiber, Günther Lippmann, Armin Georgi, Gitta Nickel, Kurt Barthel, Roland Steiner, Heinz Brinkmann und Peter Rocha die Problematik des Umweltschutzes in ihren Arbeiten auf.
Trotz der hohen künstlerischen Qualität und der gesellschaftlichen Relevanz zeigen vorrangig die unmittelbar betroffenen Bezirke Leipzig und Cottbus Interesse an einer Auswertung des Films, der überwiegend im Rahmen organisierter Veranstaltungen gezeigt wird. Tausende Meter gedrehten Restmaterials von hohem dokumentarischem Wert werden später ohne Wissen der Filmschaffenden im Studio vernichtet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1983, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 47; Filmspiegel, 2/1984, S. 20-21; Elke Schieber: Im Dämmerlicht der Perestroika. 1980 bis 1989. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 198ff; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 225; Zeitzeugengespräch Horst Pehnert, à jour Film- und Fernsehproduktion GmbH, 2004)
9. Februar
Der DEFA-Spielfilm KASKADE RÜCKWÄRTS (R: Iris Gusner) feiert im Kino International Premiere. Gusner schildert darin die gegenwärtigen Grenzen der Emanzipation sowie den Normenkodex gesellschaftlicher Konventionen. Die Protagonistin Maja erprobt in einem Selbstversuch, ob einer Frau im Alltag dieselben Freiheiten zugestanden werden wie einem Mann; bereits der alleinige Besuch einer Bar belehrt sie eines Besseren. Der Film präsentiert sich als reine Zustandsschilderung der Gesellschaft, in der die Regisseurin weniger offen opponiert als vielmehr eine Atmosphäre der Resignation zeichnet.
(Film und Fernsehen, 3/1984, S. 12-13; Filmspiegel, 4/1984, S. 14; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 267f)
März 1984
9. März
Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1984 werden vergeben.
- An das Schöpferkollektiv des DEFA-Spielfilms DER AUFENTHALT um Regisseur Frank Beyer, Autor Wolfgang Kohlhaase, und Schauspieler Sylvester Groth für die künstlerisch überzeugende Gestaltung dieses Films.
- An Karl Gass und Uwe Zeising für die hervorragende künstlerische Gestaltung des DEFA-Dokumentarfilms ZWEI TAGE IM AUGUST.
(ND, 10. März 1984, S. 4; Filmspiegel, 6/1984, S. 2; Informationsbulletin des VFF, 4/1984, S. 12)
29. März
Der DEFA-Spielfilm BOCKSHORN (Regie: Frank Beyer) feiert im Berliner Kino International Premiere. Das ungewöhnliche Roadmovie basiert auf dem Roman des West-Berliner Schriftstellers Christoph Meckel; das Szenarium verfasste Ulrich Plenzdorf. Im Mittelpunkt der Parabel stehen die beiden jugendlichen Landstreicher Mick und Sauly (gespielt von den Laiendarstellern Bert Löper und Jeff Dominiak), die in einem fiktiven Land – das stark an die USA erinnert – nach einem angeblich verkauften Schutzengel suchen.
Die Produktion ist eine seltene Co-Produktion zwischen der DEFA, dem westdeutschen Produzenten Manfred Durniok sowie Studios in Bulgarien und Kuba. Besonders bemerkenswert sind die Aufnahmen aus New York, darunter die Zwillingstürme des World Trade Centers, die für eine DEFA-Produktion ein Novum darstellten. Trotz der prominenten Besetzung in den Nebenrollen und der Regie des renommierten Frank Beyer blieb der Erfolg an den Kinokassen hinter den Erwartungen zurück, da die starke Kapitalismuskritik und die gezeigte Konsumwelt für das DDR-Publikum weit entfernt von der eigenen Lebensrealität schienen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1983, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 16; Film und Fernsehen, 5/1984, S. 10; Filmspiegel, 8/1984, S. 14; Axel Geiss: Repression und Freiheit. DEFA-Regisseure zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 1997, S. 110; Philip Zengel: DEFA-Film des Monats: Bockshorn, August 2022)
Mai 1984
16. Mai
Auf dem 3. Nationalen Spielfilmfestival der DDR in Karl-Marx-Stadt feiert der gesellschaftskritische Jugendfilm ERSCHEINEN PFLICHT (R: Helmut Dziuba) seine Uraufführung. Dziuba rückt mit der Darstellung von Privilegien in der DDR ein Tabuthema ins Zentrum seines Werks. Obwohl der Film eine positive Grundhaltung einnimmt – die privilegierte Protagonistin distanziert sich nach einer Phase der Selbsterkenntnis von ihren Vorzügen und bekennt sich zu den sozialistischen Idealen –, stößt die Produktion auf erhebliche politische Schwierigkeiten.
Obwohl der Film bei einer Testvorführung im Zentralrat der FDJ Begeisterung auslöst und die Unterstützung von Filmminister Pehnert sowie Studiodirektor Mäde genießt, stößt er in der Parteihochschule der SED auf strikte Ablehnung. Über diesen Widerstand wird Erich Honecker umgehend persönlich informiert. Die scharfe Reaktion der Führung ist auch als Ausdruck des zunehmenden Drucks zu verstehen, dem sie sich durch die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung und die steigende Zahl von Ausreiseanträgen ausgesetzt sieht.
In der Folge wird ERSCHEINEN PFLICHT nur für einen begrenzten Einsatz, gekoppelt an moderierte Diskussionen, freigegeben. Zudem erfolgt ein drastischer Eingriff in die Berichterstattung: In der Redaktion der Zeitschrift „Film und Fernsehen“ werden sämtliche noch nicht veröffentlichten Rezensionen, Interviews und Manuskripte mitsamt aller Durchschläge eingezogen. Diese Dokumente blieben unter Verschluss und werden erst nach der Wende im Redaktionstresor wieder aufgefunden.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1983, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 18; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 278, 287f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 227f)
Juni 1984
30. Juni
Die Dreharbeiten zum Erstlingsfilm SCHNAUZER des Regieabsolventen Maxim Dessau – Sohn des Komponisten Paul Dessau und der Theaterregisseurin Ruth Berghaus – werden abgebrochen. Der Drehbeginn erfolgte im Oktober 1983.
Anders als die Romanvorlage von Manfred Pieske, die eine positive Geschichte aus der Arbeitswelt erzählt, beabsichtigte Dessau eine Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die täglich am Rande ihrer ökonomischen Möglichkeiten balanciert. Offenbar scheute sich DEFA-Generaldirektor Hans-Dieter Mäde, unmittelbar nach vorangegangenen Konflikten erneut ein explizit politisches Filmverbot auszusprechen. Stattdessen wurden technische Mängel als Vorwand angeführt: Bereits während der Produktion hieß es, der Film weise Farbschwankungen auf, die fotografische Qualität sei ungenügend und die schauspielerischen Leistungen verkrampft. Mäde resümierte schließlich, dass aufgrund der „objektiven Kompliziertheit des Gegenstands“ die Lebenserfahrung und das künstlerische Vermögen von Regisseur und Kameramann nicht ausreichten, um die Arbeit zu einem „verantwortbaren Ergebnis“ zu führen.
Maxim Dessau musste in der Folge sechs Jahre warten, bis er in der Wendezeit eine zweite Chance für eine Spielfilmregie erhielt. Eine rekonstruierte Schnittfassung von SCHNAUZER wurde erst 1996 uraufgeführt. Nach Einschätzung des Filmkritikers Ralf Schenk wäre SCHNAUZER ein Werk geworden, das „an die Substanz“ gegangen wäre: Der Film hätte Tabuthemen zur Sprache gebracht, welche die ökonomische und moralische Lage des Landes weit über den industriellen Sektor hinaus beleuchtet hätten.
(Filmspiegel, 7/1984, S. 2; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 308-311; Ralf Schenk: „Schnauzer“ in Chemnitz. Erste Begegnung mit dem letzten verbotenen DEFA-Film, filmdienst 16/1996, Abruf: 3. März 2025)
Juli 1984
9. Juli
Die Internationale Föderation der Filmarchive (FIAF) veranstaltet ihre IV. FIAF-Sommerschule für Filmarchivare in Berlin. Im Fokus stehen Fachvorträge über die sachgerechte Lagerung und langfristige Erhaltung von Filmmaterial. Die Teilnehmenden reisen aus 14 Ländern aller Kontinente an. Ausrichter der Veranstaltung ist das Staatliche Filmarchiv der DDR (SFA) mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur.
(Filmspiegel, 17/1984, S. 2; ND, 10. Juli 1984, S. 6)
August 1984
5. August
Hertha Thiele stirbt im Alter von 76 Jahren. Ihren schauspielerischen Durchbruch feiert sie zwischen 1931 und 1933 mit den Klassikern MÄDCHEN IN UNIFORM und KUHLE WAMPE ODER: WEM GEHÖRT DIE WELT?. Aufgrund ihrer linken politischen Gesinnung wird sie 1936 aus der Reichsfilm- und Reichstheaterkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkommt. Während der Emigration in der Schweiz schlägt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Erst in den 1970er-Jahren kehrt sie dauerhaft auf den Bildschirm zurück, gehört zum Ensemble des Fernsehens der DDR und übernimmt vorwiegend Nebenrollen.
Bei der DEFA wirkt sie in insgesamt sieben Filmen mit, darunter in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1972) unter der Regie von Heiner Carow, Lothar Warnekes DIE UNVERBESSERLICHE BARBARA (1976) sowie DON JUAN, KARL-LIEBKNECHT-STR. 78 (1979) von Siegfried Kühn. Ihre vielleicht eindrucksvollste Altersrolle erhält sie 1980 von einem Studenten der Babelsberger Filmhochschule: In Wolfgang Münstermanns INSEL IM SEE verkörpert sie eine alte Frau, die einst einen Kriegsgefangenen versteckte und dafür inhaftiert wurde. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende rudert sie beharrlich zur Insel hinüber, um dort symbolisch Vorräte auf einem Tuch auszubreiten. Diese nahezu stumme Darstellung macht schmerzhaft deutlich, welches künstlerische Potenzial ungenutzt blieb, da der deutsche Film ihr über lange Zeit keine adäquaten Angebote unterbreitete. Was von Hertha Thiele bleibt, sind eine Handvoll filmhistorisch bedeutender Werke – und eine tragische, rund 34 Jahre währende Schaffenspause. Ihr Leben erfährt späte Würdigung durch den Dokumentarfilm DAS HERZ AUF DER LINKEN SEITE (1975) von Ullrich H. Kasten sowie eine ihr gewidmete Retrospektive auf der Berlinale 1983.
(Filmspiegel, 10/1982, S. 24-25, 18/1984, S. 25; Ralf Schenk: Hertha Thiele, film-dienst Nr. 17/2004)
September 1984
6. September
Der DEFA-Kinderfilm ISABEL AUF DER TREPPE (R: Hannelore Unterberg) feiert in Berlin Premiere. Das Werk, das weit über das junge Publikum hinaus für Nachdenklichkeit und Betroffenheit sorgt, thematisiert das Spannungsverhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und chilenischen Exilanten. Während diese in der DDR zwar soziale Sicherheit finden, leiden sie tief unter dem Verlust ihrer Heimat und ihrer Angehörigen. Unterberg zeigt ungeschönt, wie sich unter den deutschen Nachbarn Gleichgültigkeit und teils offene Ablehnung gegenüber der fremden Kultur ausgebreitet haben. Erst über die Empathie eines Großvaters und die unvoreingenommene Annäherung der Kinder finden die Familien schließlich zueinander.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1983, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 20; Filmspiegel, 20/1984, S. 18; Neue Zeit, 11. September 1984; S. 4; Berliner Zeitung, 15. September 1984, S. 7; Elke Schieber: Anfang vom Ende oder Kontinuität des Argwohns 1980 bis 1989. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 281)
Oktober 1984
6. Oktober
Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1984 werden verliehen.
- I. Klasse: An das Schöpferkollektiv des 7-teiligen Dokumentarfilms zur FDJ-Geschichte UNSER ZEICHEN IST DIE SONNE um Heinz Brinkmann, Johanna Kleberg, Rolf Schnabel, Günther Seigewasser, Horst Winter, Günter Wittenbecher und Werner Wüste für einen hervorragenden und massenwirksamen Beitrag zur Entwicklung und Ausprägung des Geschichtsbewusstsein der jungen Generation.
- II. Klasse: An den Regisseur Ralf Kirsten für seinen auf Volksverbundenheit und Massenwirksamkeit orientierten Beitrag zur Entwicklung des DEFA-Spielfilmschaffens.
(ND, 6./7. Oktober 1984, S. 4)
November 1984
27. November
Hannes und Sibylle Schönemann werden verhaftet. Das Ehepaar ist seit etwa 1980 als Regisseur bzw. Dramaturgin und Regieassistentin im DEFA-Studio für Spielfilme tätig. Voraus geht ihr Ausreiseantrag vom 5. April 1984 sowie mehrere Schreiben an offizielle Stellen, in denen Hannes Schönemann – teils mit vagen Drohungen – eine Beschleunigung des Verfahrens fordert: „Je länger Sie uns die Genehmigung verweigern, umso mehr wächst die Gefahr der Eskalation und unkontrollierter Handlungen. Wir erklären hiermit, dass sich unsere Absicht nicht ändern wird und wir bei stetiger Verweigerung den weiteren unwürdigen Umständen nicht tatenlos gegenüberstehen werden.“
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das beide bereits seit März 1983 operativ kontrolliert, nutzt diese Formulierungen als willkommenen Anlass, das Paar zu kriminalisieren und zu isolieren. Der eigentliche Grund für den Ausreiseantrag liegt in der fehlenden beruflichen Perspektive von Hannes Schönemann: Über Jahre hinweg bleiben seine Bemühungen um Drehgenehmigungen für eigene Stoffe erfolglos. Bereits während seines Studiums an der HFF in Babelsberg fällt Schönemann durch seine Kompromisslosigkeit und die Rigorosität seiner Ansichten auf. Zwar dreht er überdurchschnittlich viele Filme, doch wird einem Großteil davon die staatliche Abnahme verwehrt. Zudem gehören er und Sibylle 1976 zu den wenigen Studierenden, die nach der Biermann-Ausbürgerung eine Loyalitätserklärung an die Staatsführung verweigern. Während Sibylle Schönemann vom Studio das Angebot für eine erste eigenständige Regie erhält („Drei Rosen und ein Luftballon“), wird ihr Wunsch, gemeinsam mit ihrem Mann Regie zu führen, abgelehnt.
Nach der Inhaftierung im Stasi-Gefängnis Potsdam verurteilt das Kreisgericht Potsdam-Stadt das Ehepaar am 15. Februar 1985 wegen „gemeinschaftlicher Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“. Die Freiheitsstrafen belaufen sich auf ein Jahr für Sibylle und vierzehn Monate für Hannes Schönemann. Am 17. Juli 1985 erfolgt durch Vermittlung von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel der Freikauf in die Bundesrepublik. Ihre beiden Kinder dürfen ihnen vier Wochen später folgen. Im Abschlussbericht des Operativen Vorgangs „Zweifler“ heißt es am 26. April 1985 unverhohlen: „Die konsequente strafrechtliche Verfolgung [...] trug wesentlich zur Stabilisierung der politisch-operativen Lage unter den Filmschaffenden des VEB DEFA-Studio für Spielfilme bei. Negativen Kunst- und Kulturschaffenden, labilen Kräften und Sympathisanten [...] wurden Grenzen aufgezeigt.“ Damit wird deutlich, dass an den Schönemanns ein Exempel statuiert wird, um kritische Stimmen innerhalb des Studios einzuschüchtern.
(VERRIEGELTE ZEIT, Regie: Sibylle Schönemann, Dokumentarfilm, alert Film GmbH/DEFA-Studio für Dokumentarfilme GmbH, 1990; Axel Geiss: Repression und Freiheit. DEFA-Regisseure zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 1997, S. 170-180, 249-263; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 228f)
30. November
Der DEFA-Dokumentarfilm RANGIERER (R: Jürgen Böttcher) kommt in die Kinos. In eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern und gänzlich ohne Dialoge oder Kommentare zeigt Böttcher die körperlich schwere Präzisionsarbeit der Eisenbahner am Ablaufberg des Bahnhofs Dresden-Friedrichstadt, die pro Schicht bis zu 1.600 Waggons rangieren. Das Werk wird mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet, auf zahlreichen internationalen Festivals präsentiert und mehrfach prämiert.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1984, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 45f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 229f)