Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1974

 

Unter dem Motto „Solidarität mit Chile“ nimmt die DDR nach der Entmachtung des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende durch den von den USA unterstützten Militärputsch unter General Augusto Pinochet mehrere tausend Chileninnen und Chilenen als Flüchtlinge auf, darunter auch Filmschaffende. In den DEFA-Studios für Spiel-, Dokumentar- und Trickfilme entstehen zwischen 1974 und 1985 knapp zwei Dutzend Werke zum Thema Chile.
(Website der DEFA-Stiftung: Vor 50 Jahren: Militärputsch in Chile , 28. August 2023)

Januar 1974

1. Januar

Die bezirksgeleiteten VE Lichtspielbetriebe werden in Bezirksfilmdirektionen und der VEB Progress Film-Vertrieb in Progress Film-Verleih umgewandelt.
(Kurt Enz: Die Entwicklung des Filmtheaternetzes... , Manuskript vom 1. Oktober 1978, S. 127; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen , Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 217 und 233; Ralf Schenk: Kino in der DDR . filmportal.de, Abruf 15. April 2024)

31. Januar

Premiere des DEFA-Spielfilms WOLZ – LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN von Günter Reisch über den berühmten deutschen Rebellen und Kommunisten Max Hoelz. Grundlage für das Drehbuch Günther Rückers ist dessen 1929 erschienene Autobiografie.

Mit dem Film betritt die DEFA thematisches Neuland. Eine Person, die in der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung der DDR bisher nicht vorkam, die sich aber 1933 auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis befand, steht im Mittelpunkt. Eine historische Einordnung kann der Film nicht leisten, die DEFA setzt sich aber erstmals mit der legitimen Möglichkeit unterschiedlicher linker Positionen auseinander.

Fast zeitgleich greift auch das ZDF das Thema auf und sendet 1972 MAX HOELZ – EIN DEUTSCHES LEHRSTÜCK.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1973, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 23; Filmspiegel, 2/1974, S. 4-7, 4/1974, S. 8; Film und Fernsehen, 3/1974, S. 16-26; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979f In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 254ff; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 182; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 1054f)

Februar 1974

7. Februar

Premiere des DEFA-Spielfilms ORPHEUS IN DER UNTERWELT (R: Horst Bonnet) nach der gleichnamigen Operette von Hector Cremieux und Jacques Offenbach. Der Film wurde als oplunentes Spektakel mit 70mm-Technik gedreht. Damit die Tanz- und Musikszenen mit der schweren 70mm-Technik nicht zu starr daherkommen, wurde für OPRHEUS IN DER UNTERWELT extra eine 70mm-Handkamera aus der Sowjetunion importiert. Zudem stand ihm ein neu angefertigtes hydraulisches Stativ zur Verfügung, das ähnlich wie die heutige Steadycam-Technik funktionierte und ermöglichte, dass sich Kameramann Otto Hanisch mit der Handkamera frei bewegen konnte, ohne dass das Bild durch ungewollte Erschütterungen beeinträchtigt wurde.
(Filmspiegel, 5/1974, S. 8; 8/1974, S. 18)

21. Februar

Premiere des DEFA-Spielfilms DIE SCHLÜSSEL (R: Egon Günther), der zu den außergewöhnlichsten Gegenwartsproduktionen des Studios zählt. Regisseur Egon Günther bringt eine neue Machart ein: Die Schauspielerinnen und Schauspieler bekommen lediglich Situationen vorgegeben – Dialoge und Spiel werden improvisiert. 

Im Zentrum des Films stehen das Verhältnis eines Paares (Jaecki Schwarz und Jutta Hoffmann) sowie die intellektuelle und menschliche Entdeckung eines anderen Landes: Polen. Verstörend ist der zufällige wie tragische Tod der Frau mitten in der Klärung ihrer Position zu ihrem Partner.

Im Präsidium des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden wird DIE SCHLÜSSEL kontrovers diskutiert. Viele vertreten die Auffassung, dass der Tod in der Kunst große Gründe brauche und nicht „banal“, und zufällig sein dürfe. 

Der polnische Kulturattaché Markewitzsch äußert im Vorfeld gegenüber dem Leiter Kultur bei ZK der SED Peter Heldt schwere Bedenken gegen den Film. Der polnische Kulturminister halte den Film für belastend für die gute deutsch-polnische Freundschaft. Peter Heldt verfasst daraufhin eine Aktennotiz an Kurt Hager, die er „der großen politischen Bedeutung des Gegenstandes wegen“ parallel auch an Erich Honecker schickt. Infolgedessen werden verschiedene Szenen gekürzt und geschnitten. DIE SCHLÜSSEL startet mit nur zehn Kopien in den DDR-Kinos und wird für den Export gesperrt. Im Ergebnis der kontroversen Diskussion beschließt Egon Günther kein weiteres Gegenwartsthema mehr für die DEFA zu inszenieren.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1972, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 25; Filmspiegel, 3/1974, S. 15; 6/1974, S. 5; Film und Fernsehen, 3/1974, S. 12-16; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 250f; Egon Günther: Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen. Ein Versuch über „Schauspieler und Film“. In: apropros: Film 2004. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Berlin 2004, S. 15ff; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 179f; Egon Günther In: Spur der Filme (Hrsg. Ingrid Poss, Peter Warnecke). Ch. Links Verlag Berlin 2. Auflage 2006; S. 253, 292-294; Ich war immer ein Spieler. Egon Günther (Hrsg. Ingrid Poss/Dorett Molitor). Filmmuseum Potsdam. Verlag Neues Leben 2013, S. 78)

25. Februar

Veranstaltung „Filmland Finnland“ im Archivfilmtheater „Camera“ in Berlin. Präsentiert werden: KLEINE MARJA (OT: MARJA PIENI!, R: Eija-Elina Bergholm, 1972), EIN ARBEITER-TAGEBUCH (OT: TYÖMIEHEN PÄIVÄKIRJA, R: Risto Jarva, 1967) und DAS WEISSE RENTIER (OT: VALKOINEN PEURA, R: Erik Blomberg, 1952).

Außerdem finden im Jahr 1974 weitere Filmwochen der DEFA im nichtsozialistischen Ausland bzw. von nichtsozialistischen Staaten in der DDR statt:

  • 22.27. März : Woche des schwedischen Films in der DDR. Die Eröffnung findet im Berliner Filmtheater „Kosmos statt. Gezeigt werden DIE AUSWANDERER (OT: UTVANDRARNA, R: Jan Troell, 1971) und DER MANN, DER SICH DAS RAUCHEN ABGEWÖHNTE (OT: MANNEN SOM SLUTADE RÖKA, R: Tage Danielsson, 1972).
  • im August: Retrospektive mit Filmen des Studios H & S an der Cinémathèque in Algier.
  • im September: DDR-Filmwoche in Bagdad (Irak). Es laufen die Spielfilme TROTZ ALLEDEM! (R: Günter Reisch, 1971), GOYA (R: Konrad Wolf, 1971) und NICHT SCHUMMELN, LIEBLING! (R: Joachim Hasler, 1972). Darüber hinaus ist der Dokumentarfilm WER DIE ERDE LIEBT (R: Joachim Hellwig [Gesamtleitung], 1973) zu sehen.
  • im Dezember: 1. DDR-Filmwoche im Jemen. Präsentiert werden TROTZ ALLEDEM! (R: Günter Reisch, 1971), GOYA (R: Konrad Wolf, 1971), NICHT SCHUMMELN, LIEBLING! (R: Joachim Hasler, 1972) und APACHEN (R: Gottfried Kolditz, 1973) sowie zwei Dokumentarfilme.

(Filmspiegel, 4/1974, S. 3; 5/1974, S. 10-11; 8/1974, S. 3; 9/1974, S. 2; 17/1974; S. 3, 19/1974, S. 18; 3/1975, S. 21; 5/ 1975, S. 20)

März 1974

Der Gründungskongress der Internationalen Föderation der Gewerkschaften der Werktätigen in Film, Funk und Fernsehen (FISTAV) mit 15 teilnehmenden Ländern in London wendet sich gegen den Missbrauch der audiovisuellen Massenmedien. Angestrebt werden eine freie Kommunikation und Völkerverständigung. Die Delegation der DDR wird durch den Schauspieler Hans-Peter Minetti geleitet.
(Filmspiegel 6/1974, S. 2; Friedrich-Ebert-Stiftung: Internationale Gewerkschaftsorganisationen . Abruf 10. Juni 2024)

März

Albert Wilkening wird anlässlich seines 65. Geburtstages für seine Verdienste um den sozialistischen Film mit dem „Vaterländischen Verdienstorden in Gold“ ausgezeichnet.

Vom Studio für Kurzfilme erhalten der Dokumentarfilmregisseur Kurt Tetzlaff den Ehrentitel „Held der Arbeit“, sowie die Trickfilmer Bruno J. Böttge und Jörg Hermann und der Direktor des Trickfilmstudios Wolfgang Kernecke den Orden „Banner der Arbeit“.
(Filmspiegel 6/1974, S. 3)

4. März

Uraufführung des Dokumentarfilms DER KRIEG DER MUMIEN (R: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann) über den Kampf der internationalen Konzerne gegen die chilenische Regierung von Salvador Allende im Berliner Filmtheater „Kosmos“.

In drei abendfüllenden Dokumentarfilmen DER KRIEG DER MUMIEN (1974), ICH WAR, ICH BIN, ICH WERDE SEIN (1974) und EL GOLPE BLANCO. DER WEISSE PUTSCH (1975) versuchen sich H&S an einer Chronik über die Regierung des demokratisch gewählten Präsidenten Allende und ihr Ende. Bemerkenswert ist die Filmarbeit in den Lagern politischer Gefangener. Diese erfolgte mit Genehmigung der Militärregierung Pinochets, allerdings im Glauben, dass ein Film über Land und Leute entsteht. Die Methode, den Gegenseite zu täuschen, hatten H&S in den Jahren mit Perfektion und Einfallsreichtum entwickelt. Die Chile-Filme werden auf vielen internationalen Festivals von Oberhausen bis Bilbao mit Preisen und Auszeichnungen gewürdigt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1974, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 112; Filmspiegel, 6/1974, S. 2; Film und Fernsehen, 5/1974, S. 2-7; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 147)

8. März

Der in Koproduktion mit den tschechischen Barrandov-Studios realisierte Märchenfilm DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL (R: Václav Vorlíček) wird erstmals in der DDR aufgeführt.

Die Verfilmung von Bozena Nemcovás Märchen „O Popelce“ (deutsch: Über Aschenputtel) zeigt Aschenbrödel als selbstbewusste, aktiv um ihr Glück kämpfende junge Frau. Die 20-jährige Aschenbrödel-Darstellerin Libuše Šafránková spielt ihre erste Hauptrolle. Als markante Kulisse für den Königshof dient Schloss Moritzburg bei Dresden. Die poetische Liebesgeschichte entwickelt sich in Deutschland, Tschechien, Norwegen und weiteren Ländern zum Kultfilm und wird Jahr für Jahr insbesondere in der Weihnachtszeit vielfach gezeigt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1973, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 15; Filmspiegel, 3/1974, S. 12-13; 10/1974, S. 8; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 175f)

29. März

Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1974 werden vergeben.

  • I. Klasse: An die Schöpferinnen der Fernsehdokumentarfilmreihe „Imperialismus  Auseinandersetzung“ Dr. Sabine Katins (Journalistin) und Heidemarie Lahl (Schnittmeisterin).
  • II. Klasse: An das Schöpferkollektiv des Kinderfilms SUSANNE UND DER ZAUBERRING um Autorin Rosel Klein, Regisseur Erwin Stranka, Kameramann Lothar Gerber und Hauptdarstellerin Monika Wolf.
  • III. Klasse: An das Schöpferkollektiv der Gruppe „Camera DDR“ des DEFA-Studios für Kurzfilme für den Film WIR WAREN IN BERLIN um die Regisseure Jochen Hadaschik und Heinz Müller, die Kameramänner Hans Kracht und Gerhard Münch, Schnittmeisterin Sigrid Hohmann und Redakteur Horst Winter.

(ND, 30. März 1974, S. 4; DEFA-Blende, 9. April 1974; Filmspiegel 8/1974, S. 3)

April 1974

4. April

Premiere des DEFA-Spielfilms DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ. Regisseur Konrad Wolf und Autor Wolfgang Kohlhaase behandeln in dem ruhig erzählten Film die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft und das Verhältnis zwischen Kunstschaffenden und arbeitenden Menschen. Die im Film gezeigten Plastiken stammen von dem Bildhauer Werner Stötzer, der den Bürgermeister spielt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1973, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 18; Filmspiegel, 9/1974, S. 8; Film und Fernsehen, 3/1974, S. 2-6; BFF, 39/1990, S. 155-167; Aus Theorie und Praxis des Films, 1/1974; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979f. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 230, 239; Spur der Filme (Hrsg. Ingrid Poss, Peter Warnecke). Ch. Links Verlag Berlin 2. Auflage 2006; S. 296; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 642)

25. April

Premiere des DEFA-Spielfilms FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER? (R: Bernhard Stephan). Der Coming-of-Age-Film ist zugleich das DEFA-Debüt des Regisseurs Bernhard Stephan. Die Hauptrolle übernimmt die Nachwuchsschauspielerin Simone von Zglinicki. In Erinnerung bleibt der Film auch durch die Musik der Klaus Renft Combo. 
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1973, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 16; Filmspiegel, 11/1974, S. 8; Film und Fernsehen, 4/1974, S. 5-6; DEFA-Blende, 6/1974; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979, In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 251)

Mai 1974

4. Mai

Der Regisseur und Filmhistoriker Gerhard Lamprecht (1897–1974) stirbt im Alter von 76 Jahren an seinem Wohnort West-Berlin.

Zu Bekanntheit gelangt Gerhard Lamprecht durch die Verfilmung von Thomas Manns BUDDENBROCKS (1923). In seinen „Milljöh“-Filmen DIE VERRUFENEN (1925), MENSCHEN UNTEREINANDER (1926) und DIE UNEHELICHEN (1926) beschäftigt er sich gesellschaftskritisch mit den ärmlichen Lebensbedingungen der proletarischen Welt und besetzt dafür regelmäßig Laiendarsteller und Kinder . Seinen größten internationalen Erfolg feiert Lamprecht 1931 mit EMIL UND DIE DETEKTIVE basierend auf einem Drehbuch von Billy Wilder.

Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpft er bei der DEFA mit IRGENDWO IN BERLIN an EMIL UND DIE DETEKTIVE an. Darüber hinaus dreht er für die DEFA im Jahr 1949 QUARTETT ZU FÜNFT. Ab 1955 beschäftigt er sich vor allem mit seinen filmhistorischen Sammlungen, die 1962 den Grundstock für die Gründung der Deutschen Kinemathek bilden, deren Leiter Lamprecht bis 1966 ist.

Lamprecht wird mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 1967 mit dem Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk („Filmband in Gold“) ausgezeichnet.
(Information der HFF, Nr. 3/4/5/6, 1976, S. 372-377; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 182-185)

11. Mai

Der Dokumentarfilm BOXBERGER SKIZZEN (R: Armin Georgi) erlebt seine Uraufführung auf dem X. Kongress der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) in Dresden. Georgi folgt in seinem Film einen neuen Weg zur Wirklichkeitserkundung. Er stellt die Montage der Turbinen in den Mittelpunkt. Zudem erzählt er, wie sich die deutschen und sowjetischen Spezialisten beim Kraftwerksbau in Boxberg in täglicher Arbeit näherkommen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1974, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 4; Filmspiegel, 17/1974, S. 10, 12/1974, S. 3; ND, 8. Mai 1974, S. 4; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 143)

Juli 1974

Die Leiter der HV Film wechseln weiterhin fast im Zweijahresrhythmus. Hans Starke wird zum Stellvertreter des Ministers für Kultur und zum Leiter der HV Film berufen. Er löst Günter Klein ab, der anderthalb Jahre im Amt war. Starke übt dieses Amt bis 1976 aus.

Dem „Filmminister“ obliegt eine Schlüsselposition in der DDR-FIlmpolitik. In seinen Verantwortungsbereich fallen Zulassungen und Prädikatisierungen von Filmen. Er hat das Recht auf Eingriffe in FIlmproduktionen und Sanktionen, gegen die es kein Einspruchsrecht gibt. Die HV Film ist damit de facto eine Zensurbehörde..

Neben dieser Hauptaufgabe hat die HV Film die Fachaufsicht und Richtlinienkompetenz von übergeordneten Funktionen (Außenhandel, Filmverleih, Festivals, Ausbildung, Filmarchiv, Filmklubs u.a.). In der Behörde arbeiten ca. 75 Personen. Seit einigen Jahren ist sie in ihrer Machtfülle allerdings beschnitten: Die Beziehungen der DEFA zum Fernsehen der DDR werden nur noch über Direktverträge (Rahmenvertrag-Jahresverträge geregelt).
(ND, 15. Juli 1974, S. 4; Filmspiegel, 14/1974, S. 3; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen , Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 75f, 82, 88)

5. Juli

Der DEFA-Dokumentarfilm NACHTARBEITER (R: Richard Cohn-Vossen) läuft in den Kinos an. In Berliner Betrieben, einem Stellwerk der Reichsbahn, einer Großbäckerei und im Kraftwerk Klingenberg sucht der Regisseur die Namenlosen, die einfach ihre Arbeit tun. Die Schwarz-weiß-Fotografie versucht bei aller Detailtreue so etwas wie ein „poetisches Fluidum“ zu erzeugen. Der Film beschönigt die Wirklichkeit nicht.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1973, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 46; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 137)

September 1974

Im DEFA-Studio für Synchronisation in Berlin-Johannisthal wird der 1000. sowjetische Film synchronisiert. Von 1952 bis 1989 werden über 7000 Spielfilme bzw. Serienteile von der DEFA synchronisiert, davon 1875 Filme aus der UdSSR und 1770 Filme aus dem „Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“.

Die Bearbeitungszeit eines Films von der Anlieferung der fremdsprachigen Filmkopie bis zur Auslieferung des synchronisierten Mischbandes beträgt nach internationalem Standard sechs Wochen. Nach der Erarbeitung des deutschen Synchrontextes durch den Synchronautor erfolgt die Inszenierung dieser Sprachfassung im Atelier. Im Anschluss werden deutscher Sprachton, Originalmusiken und -geräusche zu einem Originalfilmton zusammengeschnitten und gemischt. In der eigenen Titeltrick-Abteilung entstehen der deutschsprachige Haupttitel und die Vor- und Abspänne.
(Filmspiegel 19/1974, S. 3; Günter Jordan:  Film- und Lichtspielwesen in der DDR. Synchronisation, Abruf: 17. Juni 2024)

4. September

Als letzter der Alliierten und 110. Staat der Welt erkennen die USA die DDR völkerrechtlich an und richten eine Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße in Berlin ein. Damit ist der seit 1972 laufende Prozess der Gleichberechtigung der DDR in der Völkergemeinschaft abgeschlossen.
(Das Bundesarchiv: Auf Tuchfühlung mit dem Klassenfeind , Abruf: 26. Januar 2026; Philip Matthes: Der lange Weg zur diplomatischen Anerkennung der DDR durch die USA . Bundesstiftung Aufarbeitung. Abruf: 31. Januar 2024)

Oktober 1974

Anlässlich des 25. Jahrestags der DDR-Gründung finden in Moskau und anderen Städten der UdSSR DDR-Filmfestivals statt. Präsentiert werden die DEFA-Produktionen ZUM BEISPIEL JOSEF (R: Erwin Stranka), „DER MANN, DER NACH DER OMA KAM (R: Roland Oehme), LEICHENSACHE ZERNIK (R: Helmut Nitzschke), DER KLEINE KOMMANDEUR (R: Siegfried Hartmann), SUSANNE UND DER ZAUBERRING (R: Erwin Stranka) u.a.

Auch in anderen Ländern werden zu diesem Anlass DEFA-Filmwochen ausgerichtet:

(Filmspiegel, 22/1974, S. 2-3)

Oktober

Das Kinder- und Jugendfilmtheater in Dresden eröffnet. Zum Auftakt laufen der farbige Solhouettenfilm DIE ROTE BLUME (R: Bruno J. Böttge) der Puppentrickfilm DIE KÜCKENMUTTER (R: Werner Krauße) sowie die Zeichentrickproduktion GESUNDE ERNÄHRUNG (R: Katja und Klaus Georgi).
(Filmspiegel, 22/1974, S. 3)

4. Oktober

Verleihung der Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1974.

  • III. Klasse: An Regisseurin des DEFA-Studio für Kurzfilme Gitta Nickel für ihre „Dokumentarfilme im Geiste des sozialistischen Internationalismus“.
  • III. Klasse: An das Schöpferkollektiv heiterer Fernsehfilme um Klaus Gendries und Hermann Rodigast.

(ND, 5. Oktober 1974, S. 6)

15. Oktober

Das Fragment des DEFA-Spielfilms CHRISTINE (R: Slatan Dudow), eine nur teilweise vertonte Rohschnittfassung, wird erstmals im Archivfilmtheater „Camera“ des Staatlichen Filmarchivs Berlin aufgeführt. Slatan Dudow war 1963 während der Dreharbeiten zu diesem Film tödlich verunglückt. Als Vorfilm wird das Porträt SLATAN DUDOW – FILMESSAY ÜBER EINEN MARXISTISCHEN KÜNSTLER von Volker Koepp gezeigt.
(FWB, 3/1963, S. 824; Filmspiegel, 23/1974, S. 3, 24; 2/1983, S. 10-13)

25. Oktober

Mit Spindel, Weberschiffchen und Nadel entsteht unter der Regie von Katja Georgi die erste Koproduktion zwischen dem DEFA-Studio für Trickfilme in Drresden und der römischen Firma Corona-Cinematografica.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 172)

November 1974

23.–30. November

Zum 17. Mal findet die Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche für Kino und Fernsehen unter dem Motto „Filme der Welt – Für den Frieden der Welt“. Bewegender Höhepunkt ist die Begegnung der Witwe des 1973 von der chilenischen Junta schwer gefolterten und ermordeten Künstlers Victor Jara mit der Schauspielerin und Bürgerrechtlerin Jane Fonda, die zudem ihr Regie-Debüt VORSTELLUNG EINES FEINDES (OT: Introduction to the Enemy, 1974) über den Vietnamkrieg außerhalb des Wettbewerbs vorstellte.

Der Dokumentarfilm von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann Ich war, ich bin, ich werde sein über die Militärjunta in Chile erhält einen Sonderpreis der Jury.
(Protokoll der XVII. Leipziger Woche 1974; Film und Fernsehen, 11/1974, S. 2-16, 43, 17-19, 3/1975, S. 10-20; Filmspiegel, 26/1974, S. 3, 20f; 2/1975, S. 11)

Dezember 1974

Im Filmtheater Schwarzenberg (Erzgebirge) wird der DEFA-Dokumenarfilm SAGEN WIRD MAN ÜBER UNSERE TAGE (R: Winfried Junge) festlich vor vielen Montagearbeitern uraufgeführt. Winfried Junge beginnt das ehrgeizige Projekt, über einen längeren Zeitraum Leben und Arbeit auf Großbaustellen zu dokumentieren. In diesem ersten Teil zeigt er die Entwicklung in Markersbach. Dort errichten Deutsche, Tschechen und Ungarn ein riesiges Pumpspeicherwerk als Gemeinschaftsprojekt. Das Publikum erfährt, mit welchen Vorstellungen, Träume und Erwartungen die jungen Leute auf der Baustelle ankommen, aber auch, wie die Realität oftmals eine andere ist. 
(Filmspiegel, 2/1975, S. 2)

Dezember

Wolfgang Kleinert (bisheriger Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Fernsehen der DDR) wird zum 1. Januar 1975 zum Direktor der DEFA-Studios für Kurzfilme berufen. Er übt diese Funktion bis 1983 aus.
(ND, 21. Dezember 1974, S. 4; Filmspiegel, 2/1975, S. 2; Dokumentation: 1967-1987, Der Vorstand der VFF, V. Kongress Berlin, 1982, S. 81-82)

18. Dezember

Die Arbeitsgruppe „Kinder- und Jugendfilm“ der Sektion Spielfilm des VFF wird unter Leiterung von Walter Beck wird ins Leben gerufen.
(Film und Fernsehen, 12/1975, S. 11; Mitteilungsblatt des VFF, 3/1976, S. 53-55; Informationsbulletin des VFF, Januar 1985, S. 23-24; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 249)

22. Dezember

Erstausstrahlung des DEFA-Spielfilms JAKOB DER LÜGNER (R: Frank Beyer), der in Koproduktion mit dem Fernsehen der DDR entstand. Heinz Adameck, Leiter des Staatlichen Komitees für Fernsehen der DDR, erwirkt per Beschluss, dass JAKOB DER LÜGNER zuerst im Fernsehen lief. Auch ein Protest Frank Beyers kann dies nicht verhindern. Ein Großteil des Publikums sieht den Film daher am 22. Dezember 1974 auf kleinen Bildschirmen und in schwarz-weiß statt in Farbe. Der Kinostart folgt erst Monate später am 18. April 1975.

Frank Beyer dreht das erste Mal nach dem Verdikt von SPUR DER STEINE wieder einen Spielfilm am DEFA-Spielfilmstudio. Die Geschichte um den Juden Jakob, der mit täglich neuen positiven Nachrichten, die sein unbedacht erfundenes Radio angeblich gebracht hat, seinen Leidensgenossen im Ghetto Halt gibt, basiert auf dem gleichnamigen Roman Jurek Beckers. Becker wuchs als Jude selbst in einem polnischen Ghetto aufwuchs und verlor die meisten seiner Angehörigen. Ab 1962 ist er fest angestellter Drehbuchautor bei der DEFA. 

Die Tragikomödie wird 1977 für den Oscar nominiert. Es ist der einzige DEFA-Spielfilm der Filmgeschichte, der für den US-amerikanischen Filmpreis eine Nominierung erhält. Vlastimil Brodsky wird 1975 auf der Berlinale in Westberlin als bester Darsteller ausgezeichnet. Das Schöpferkollektiv um Jurek Becker, Frank Beyer, Vlastimil Brodský, Erwin Geschonneck, Gerd Gericke und Günter Marczinkowsky erhält 1975 den Nationalpreis II. Klasse.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1974, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17f; Filmspiegel, 2/1975, S. 9; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 256; Armin Mueller-Stahl: Heimat hat mit gelebtem Leben zu tun. In:  apropros: Film 2004. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Berlin 2004, S. 26f)

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