DEFA-Chronik für das Jahr 1975
Beim Ministerium für Kultur wird das „Sekretariat Internationale Filmorganisationen“ als Dachorganisation für die politisch-fachliche Koordinierung und Lenkung geschaffen. Die Leitung übernimmt Rudolf Hannemann.
Nach der Aufnahme der DDR 1972 in die UNESCO und der umfassenden völkerrechtlichen Anerkennung der DDR bis 1974 existieren folgende Nationale Gruppen/Zentren Internationaler Filmorganisationen in der DDR:
- Nationale Vereinigung des Wissenschaftlichen Films und Fernsehens der DDR (NVWF). Präsident: Obermedizinalrat Prof. Dr. Dr. W. Bethmann. Mitarbeit in der Internationalen Vereinigung für den wissenschaftlichen Film (AICS).
- Nationales Zentrum für Kinderfilm und -fernsehen der DDR. Präsident: Klaus Richter de Vroe. zur Mitarbeit im Internationalen Zentrum für Kinder- und Jugendfilm (CIFEJ).
- Zentrale Arbeitsgemeinschaft Filmklubs der DDR (ZAG). Vorsitz: Prof. Dr. Kurt Maetzig. Mitarbeit in der Internationalen Vereinigung der Filmklubs (FICC).
- Nationale ASIFA-Gruppe der DDR. Vorsitz: Katja Georgi. Mitarbeit in der Internationalen Vereinigung des Animationsfilms (ASIFA).
- Wissenschaftlich-technischer Beirat für das Filmwesen der DDR. Mitarbeit in der Internationalen Union filmtechnischer Verbände (UNIATEC).
- Staatliches Filmarchiv der DDR (SFA). Direktor: Wolfgang Klaue. Mitarbeit in der Internationalen Vereinigung der Filmarchive (FIAF).
- Hochschule für Film und Fernsehen der DDR (HFF). Rektor: Peter Ulbrich. Mitarbeit im Internationalen Zentrum der Hochschulen für Film und Fernsehen (CILECT).
- DEFA-Wochenschau „Der Augenzeige“. Leiter: Rolf Schnabel. Mitarbeit in der Internationalen Wochenschau-Vereinigung (INA).
- Nationales Zentrum Amateurfilm / UNICA-Zentrum Amateurfilm DDR. Mitarbeit im Internationalen Amateurfilm-Verband (UNICA).
(Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 394-406, 423, 429f; ND vom 4. November 1971, S. 4)
In den Internationalen Filmorganisationen arbeiten 1975 mit:
- Association Internationale des Documentaristes (Internationale Föderation der Filmdokumentaristen; AID) als Einzelmitglieder Andrew und Annelie Thorndike, Karl Gass, Gerhard Scheumann, Walter Heynowski und Jochen Hadaschik.
- Association Internationale du Cinéma Scientifique (Internationale Vereinigung für den wissenschaftlichen Film; AICS) als DDR-Vertreter im Generalrat Kurt Eifert.
- Fédération Internationale des Ciné-Clubs (Internationale Vereinigung der Filmklubs; FICC) als Vizepräsident Prof. Dr. Kurt Maetzig.
- Association Internationale du Film d’Animation (Internationale Vereinigung des Animationsfilms; ASIFA) als Verwaltungsratsmitglied Katja Georgi.
- Commission Superieure Technique du Cinéma Français Union Internationale des Associations Techniques Cinématographiques (Internationale Union filmtechnischer Verbände; UNIATEC) als Vizepräsident Prof. Dr. Albert Wilkening.
- Fédération Internationale des Archives du Film (Internationale Vereinigung der Filmarchive; FIAF) als Comité Directeur / Präsident des Exekutivkomitees Wolfgang Klaue.
(Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 394-406, 423, 429f; FIAF-Mitglieder Executive Committees , Abruf: 22. Februar 2024)
Januar 1975
Im DEFA-Studio für Dokumentarfilme konstituiert sich die Produktionsgruppe „Kinderfilm“. Bis 1990 dreht die Gruppe rund 250 Filme für Kinder und Jugendliche. Zu den Regisseuren zählen u.a. Konrad Weiß, Jochen Kraußer, Peter Petersen, Thomas Kuschel, Jochen Denzler, Günter Meyer, Günter Jordan, Petra Tschörtner, Christiane Hein, Hans Wintgen und Roland Steiner. Die Themen sind vielfältig – LERCHENLIEDER (R: Jochen Kraußer, 1980), IVO KLAUCK, 14 JAHRE, QUERSCHNITTSGELÄHMT (R: Konrad Weiß, 1981), JUGENDWERKHOF (R: Roland Steiner, 1982), EINMAL IN DER WOCHE SCHREIN (R: Günter Jordan, 1982), ERSTE LIEBE (R: Konrad Weiß, 1984), GESCHIEDEN (R: Hans Wintgen, 1986), ENDLICH FLIEGEN (R: Jochen Kraußer, 1989) – und erstrecken sich über die ganze Bandbreite jungen Lebens.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 185f; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 169)
Januar
Im DEFA-Kopierwerk in Berlin-Johannisthal beginnt eine grundlegende Rekonstruktion zum Einsatz modernerer Maschinen. In erster Linie stellt es 35mm-Massenkopien für die DEFA-Studios her. Für die Bevölkerung und Filmamateure ist es der einzige Betrieb in der DDR, der 8-mm- und 16-mm-Filme entwickelt. Da der Bedarf bei weitem nicht gedeckt wird, geht das Kopierwerk zu Zwei- bzw. teilweise Dreischichtarbeit über. So wurden im vierten Quartal 1974 200.000 Meter Farbfilme der Bevölkerung „über Plan“ entwickelt.
(Filmspiegel 15/1974, S. 3)
Februar 1975
25. Februar
Gitta Nickels TV-Dokumentarfilm ... UND MORGEN KOMMEN DIE POLINNEN, eine Produktion für den DFF, wird im Fernsehen erstmalig ausgestrahlt. Es ist Gitta Nickels wichtigster Film in den 1970er-Jahren und für den Dokumentarfilm im Fernsehen ein Höhepunkt.
Der Film erzählt in eindrucksvoller Weise von polnischen Arbeiterinnen in der DDR, die im Kombinat Industrielle Mast (KIM) in Storkow angelernt werden. Nach ihrer Ankunft sind sie bestürzt über die Arbeitsbedingungen in der Broilerverarbeitungsanlage – vom Lärm, vom Dampf, vom Gestank, von der Arbeit am Band. Die Kamera beobachtet sehr genau die Reaktionen der Frauen: von Entsetzen, über Gleichgültigkeit bis zu erwartungsvoller Bereitschaft. Beim ersten Leistungsvergleich Dokumentar- und Kurzfilm der DDR für Kino und Fernsehen in Berlin erhält ... UND MORGEN KOMMEN DIE POLINNEN eine „Ehrende Anerkennung“.
(Filmspiegel, 5/1975, S. 10; Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 65f; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92, Filmmuseum Potsdam 1996, S. 143f)
März 1975
In Neu Delhi (Indien) wird eine DDR-Filmwoche ausgerichtet. Als Eröffnungsfilm läuft REIFE KIRSCHEN (R: Horst Seemann, 1972).
(Filmspiegel, 8/1975, S. 3)
Außerdem finden im Jahr 1975 weitere Filmwochen der DEFA im nichtsozialistischen Ausland statt:
- im April: Tage des DDR-Films in Basel (Schweiz) mit DEFA-Filmen aus den Jahren 1965 bis 1974.
(Filmspiegel, 9/1975, S. 2) - im November: fünfwöchige DDR-Filmschau in den USA (unter 20. November ausführlich)
- im Dezember: DDR-Filmwoche in Damaskus (Syrien). Präsentiert werden u.a. GOYA (R: Konrad Wolf, 1971), NICHT SCHUMMELN, LIEBLING! (R: Joachim Hasler, 1972) und APACHEN (R: Gottfried Kolditz, 1973).
(DEFA-Blende, 25/26, 1975)
Mai 1975
22. Mai
Rainer Simon legt mit TILL EULENSPIEGEL eine hintergründige Parabel auf das Verhältnis von Macht, Subversion und Gewalt vor. DEFA-Direktor Albert Wilkening nutzt im Vorfeld seine Entscheidungskompetenz, um „den schlimmsten Horrorfilm, den er je gesehen hat“, zu entschärfen. Er ordnet mehrere Schnitte an. Ein „IM Wassili“ erklärt dem MfS in einem Bericht Szenen, die man auf die DDR-Zeit übertragen kann. Ein Jahr nach der Premiere wird gegen Rainer Simon eine „Operative Personenkontrolle“ der Staatssicherheit eingeleitet. Nach dem Ende der DDR resümiert Rainer Simon, dass er diesen Film mit Wut auf die Verhältnisse, die ihn permanent umgaben, drehte.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1974, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 22; Film und Fernsehen, 6/1975, S. 17-20; Filmspiegel, 13/1975, S. 8; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 227; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 183f; Rainer Simon In: Spur der Filme (Hrsg. Ingrid Poss, Peter Warnecke). Ch. Links Verlag Berlin 2. Auflage 2006; S. 308f; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012, S. 139)
Juni 1975
6. Juni
Premiere des DEFA-Spielfilms LOTTE IN WEIMAR (R: Egon Günther) nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann. In der Titelrolle brilliert mit der Schweizer Schauspielerin Lilli Palmer ein Weltstar.
Es ist die einzige Verfilmung eines Romans Thomas Manns durch die DEFA, nachdem in den 1950er-Jahren die gemeinsame Verfilmung der „Buddenbrooks“ der DEFA mit bundesdeutschen Produzenten am politischen Einspruch der BRD gescheitert war. Die Verfilmungsrechte für LOTTE IN WEIMAR erwirkt Walter Janka von Katia Mann. Sie kennen sich persönlich; in den Jahren, in denen Janka im Gefängnis saß, half sie ihm und seiner Frau Lotte. Die Preise, die für Thomas Manns Werke aufgerufen werden, sind für die DEFA eigentlich unerschwinglich. Gerade hat Luchino Visconti für die Filmrechte an der kleinen Novelle DER TOD IN VENEDIG 350.000 Westmark gezahlt. Janka bietet Katia Mann das Maximale an, was für die DEFA machbar ist: das Doppelte eines normalen Autorengehalts, also 50.000 Mark, dieses aber in West. Im Verhältnis zu den üblichen Vergütungen ist das eigentlich fast ein Affront. Aber er wirbt auch mit Weimar als authentischem Handlungsort. Katia Mann geht auf den Deal ein unter der Bedingung, dass Walter Janka persönlich für das Projekt verantwortlich ist und eine originalgetreue Verfilmung garantiert.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 18; Film und Fernsehen, 6/1975, S. 2-13, 46-47; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979 In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 227; Egon Günther: Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen. Ein Versuch über „Schauspieler und Film“. In: apropros: Film 2004. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Berlin 2004, S. 18f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 182f; Walter Janka In: Spur der Filme (Hrsg. Ingrid Poss, Peter Warnecke). Ch. Links Verlag Berlin, 2. Auflage 2006; S. 311; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam, 2012, S. 145)
27. Juni-8. Juli
Die DEFA nimmt erstmalig an der Berlinale, den „Internationalen Filmfestspielen Berlin“ teil. Damit sind die schon 1969 begonnenen Versuche, dass DDR-Filmemacher ihre Filme im Westteil der Stadt zeigen können, von Erfolg gekrönt. Vlastimil Brodský, Hauptdarsteller in JAKOB DER LÜGNER (R: Frank Beyer, 1974), erhält den Silbernen Bären als „Bester Hauptdarsteller“.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 186)
Juli 1975
4. Juli
Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1975 werden vergeben:
- I. Klasse: An die Filmautoren Manfred Freitag und Joachim Nestler für ihren Gesamtbeitrag bei der Entwicklung des Gegenwartsfilmschaffens im DEFA-Studios für Spielfilme.
- I. Klasse: An das Kollektiv der Fernsehserie AUSSENSEITER-SPITZENREITER.
(Filmspiegel, 16/1975, S. 4; ND, 5. Juli 1975, S. 4)
11. Juli
Der in Koproduktion mit der ČSSR gedrehte DEFA-Kinderfilm ABENTEUER MIT BLASIUS (R: Egon Schlegel) erlebt im Rahmen der V. Kinder-Sommerfilmtage in Prerow als Open-air-Veranstaltung seine Uraufführung. Der Film basiert auf der vielgelesenen Erzählung „Messeabenteuer 1999“ von Werner Bender. Mit einer Mischung aus Abenteuer, Musical und Science Fiction begeistert der Film das junge Publikum. Handlungen und Fehlprogrammierungen des wie ein Mensch aussehenden Roboters sind in der Zeit der anlaufenden Computertechnik ein Element, dass bei junge Technikfans auf großen Anklang stößt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1974, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 14; F.-B. Habel: Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 16f)
August 1975
1. August
Nach zwei Jahren Verhandlungen unterzeichnen die Vertreter von 35 Staaten des West- und Ostblocks, darunter die DDR und die BRD, die Schlussakte der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) in Helsinki. Den Anstoß für diese europäische Sicherheitskonferenz gaben die Staaten des Warschauer Paktes in den 1960er-Jahren. In der Schlussakte formulieren die teilnehmenden Staaten zehn Prinzipien zur Regelung ihrer Beziehungen. Sie bekennen sich:
- zur Achtung ihrer souveränen Gleichheit sowie der ihrer Souveränität innewohnenden Rechte,
- zum Verzicht auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt,
- zur Unverletzlichkeit der Grenzen,
- zur Achtung der territorialen Integrität aller Teilnehmerstaaten,
- zur friedlichen Regelung von Streitfällen,
- zur Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der anderen Teilnehmerstaaten,
- zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten,
- zur Achtung der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker,
- zur Entwicklung ihrer Zusammenarbeit gemäß der Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen,
- zur Erfüllung ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen nach Treu und Glauben.
Darüber hinaus verständigen sich die teilnehmenden Staaten auf eine Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt sowie über vertrauensbildende Maßnahmen im militärischen Bereich. Die Schlussakte von Helsinki beruht auf dem Prinzip der Selbstverpflichtung ohne Kontrollinstrument.
Die aus der KSZE-Schlussakte folgende Respektierung der DDR hat im Inneren die Verpflichtung, der Bevölkerung „freien Austausch von Menschen, Informationen und Meinungen“ zu ermöglichen. Das steht im Widerspruch zur Abgrenzung und Wahrung der „sozialistischen Kultur“.
(Spur der Filme (Hrsg. Ingrid Poss, Peter Warnecke). Ch. Links Verlag Berlin, 2. Auflage 2006; S. 253; Bundeszentrale für politische Bildung: 45 Jahre Schlussakte von Helsinki , Abruf: 25. März 2024)
August
In der kulturpolitischen Wochenzeitung „Sonntag“ zieht deren ständiger Filmrezensent Fred Gehler Bilanz über die DEFA-Spielfilmjahrgänge 1974/75. Seine Analyse ist ernüchternd. Es herrsche sowohl Scheu vor großen Charakteren als auch Konflikten. Es triumphiere das Halbherzige und Substanzlose. Auch das Skurrile, Phantastische und Groteske würden nicht mehr vorkommen, experimentelle Erzählformen würden nicht gewagt. Sternstunden des DEFA-Schaffens aus den Vorjahren, wie DER DRITTE (R: Egon Günther, 1971) oder DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (R: Heiner Carow, 1972) würden fehlen. Er fragt: Welche Spuren hinterlassen so großartige Regisseure wie Andrei Tarkowski, Gleb Panfilow, Wassili Schukschin, Andrzej Wajda, Miklós Jancsó und andere?
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 187)
September 1975
19. September
Erst Aufführung des DEFA-Dokumentarfilms MEIERS NACHLASS (R: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann). Der Film zeigt eine Versteigerung von Gegenständen aus dem Nachlass des Kriegverbrechers Hermann Göring im Jahr 1974 in der Bundesrepublik. Der Freistaat Bayern nimmt mit der Auktion 641.590 DM ein. Es ist befremdlich zu beobachten, mit welcher Zahlungsbereitschaft Objekte mit nationalsozialistischer Symbolik kaum drei Jahrzehnte nach Kriegsende gehandelt werden.
(Film und Fernsehen 8/1975, S. 8; Filmspiegel 22/ 1975, S .8)
19. September
Der DEFA-Dokumentarfilm MÄDCHEN IN WITTSTOCK (R: Volker Koepp) kommt in die Kinos. Koepp präsentiert den ersten Film seines Zyklus’ über junge Arbeiterinnen im neuen Obertrikotagenwerk „Ernst Lück“ in Wittstock (Dosse). Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer 20-jährigen Schichtleiterin. Die Langzeitbeobachtung wird bis 1995 fortgesetzt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 48; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 167; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 186)
19.-26. September
Die III. Tage des sozialistischen Films werden im Bezirk Karl-Marx-Stadt ausgerichtet. Zur Eröffnung läuft die DEFA-Produktion IKARUS (R: Heiner Carow, 1975). Der Film schaut mit einem intensiven, unnachsichtigen Kinderblick auf die Welt der Erwachsenen. Die Träume des Kindes und sein unbedingter Glaube an den Vater kommen zum Wanken, als dieser sein Versprechen vergessen hat. Auch gegen diesen Film gibt es Einwände von verschiedenen Einrichtungen, die zu Schnittauflagen führen.
Insgesamt 60 Brigaden in Produktionsbetrieben bereiten sich in Bildungsseminaren auf die Filmschau und die Gespräche mit den Filmschaffenden vor. So diskutieren z.B. die Schöpfer von IKARUS und Werktätige des VEB „Plauener Spitze“ über Vertrauen und Erziehungsfragen. Hauptdirektor des DEFA-Studios für Spielfilme Albert Wilkening und Hauptdramaturgin Thea Richter stellen sich in Schwarzenberg und Weißbach den Fragen und der Kritik von drei Jugend- und Studentenfilmclubs bzw. der FDBG-Schule zum thematischen Plan der DEFA. Insbesondere fehlen den jungen Leuten Filme für 14- bis 18-jährige, Musikfilme und Komödien.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Mitteilungsblatt des VFF, 5/6, 1975, S. 68-71; Film und Fernsehen, 12/1975, S. 48; Filmspiegel, 12/1975, S. 4f; 19/1975, S. 4-7, 23; 22/1975, S. 4-5, 18-19; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979, In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 251; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 185; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012, S. 141)
November 1975
19. November
Anlässlich des bevorstehenden 30. Jahrestages der DEFA analysieren die Filmwissenschaftler Erika und Rolf Richter in der Studie „Die soziale Rolle der Frau und der DEFA-Film“ das Frauenbild, das die DEFA in ihren Filmen gezeichnet hat. Sie machen über 25 Filme aus, die die Emanzipation der Frau in komplexen Entscheidungssituationen zeigen. Glücksanspruch, Streben nach Bildung, politisches Handeln, Selbstbewusstsein, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sind Ansprüche dieser Frauen. Von DIE BUNTKARIERTEN (R: Kurt Maetzig, 1949), VERGESST MIR MEINE TRAUDEL NICHT (R: Kurt Maetzig, 1957), NUR EINE FRAU (R: Carl Balhaus, 1958) und STERNE (R: Konrad Wolf, 1959) über CHRISTINE (R: Slatan Dudow, 1963/2021) und DER GETEILTE HIMMEL (R: Konrad Wolf, 1964) bis zu DER DRITTE (R: Egon Günther, 1971) und DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (R: Heiner Carow, 1972) reicht der Bogen starker Frauenpersönlichkeiten.
(Filmspiegel 24/1975, S. 4f; 25/1975, S. 6f; 26/1975, S. 9)
20. November
Premiere des DEFA-Spielfilms BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf) mit Erwin Geschonneck in der Hauptrolle. Der Film ist eines der wenigen Arbeiterporträts im DEFA-Spielfilm, das ohne Heldentum, Historie und Politik auskommt. Gezeigt wird nur der Tag, an dem ein Meister in die Rente verabschiedet wird. Die verwundete Landschaft, Achilles‘ Kampf um ein paar blaue Blumen sowie der Mensch als Teil dieser Natur stehen im Mittelpunkt. BANKETT FÜR ACHILLES ist einer von nur wenigen DEFA-Spielfilmen, die sich kritisch mit den Umweltschäden in der DDR auseinandersetzen. Auch diese Produktion wird von verschiedenen Einrichtungen beargwöhnt, beschnitten und behindert.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 14; Film und Fernsehen, 12/1975, S. 28-30; Filmspiegel, 26/1975, S. 8; Filmklub-Mitteilungen, 3/1976, Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 244; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 185; Michael Grisko: Wenn Achilles auf der Kippe seine Abschiedsdisco tanzt. In: Leuchtkraft 2022. Journal der DEFA-Stiftung 2022, S. 30-39)
S. 5 - 7)
20. November
Erstmals werden in den USA Filme aus der DDR gezeigt. Im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) beginnt eine fünfwöchige Reihe mit 21 sehr unterschiedlichen DEFA-Filmen. Von DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (R: Wolfgang Staudte, 1946) über DER FLIEGENDE HOLLÄNDER (R: Joachim Herz, 1964) und ABSCHIED (R: Egon Günther, 1968) bis zu DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (R: Heiner Carow, 1972) und DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (R: Konrad Wolf, 1974).
Die DEFA-Retrospektive, die mediale Aufmerksamkeit erfährt, kommt durch langjährige Arbeitskontakte in der Internationalen Vereinigung der Filmarchive (FIAF) zustande sowie durch die politischen Rahmenbedingungen, d.h. die diplomatische Anerkennung der DDR durch die USA 1974. Mitte Mai 1973 und im April 1974 sichtet Adrienne Mancia vom Museum of Modern Art im Staatlichen Filmarchiv der DDR bei Wolfgang Klaue Filme und wählte 32 Spiel- und Dokumentarfilme für die Retrospektive aus. Die Dokumentarfilme können letztlich nicht gezeigt werden, da die Kosten für die englische Untertitelung zu hoch sind. Von Seiten der DDR nimmt nur Wolfgang Klaue an den Filmwochen teil. Das Ministerium für Kultur gibt 23.000 Mark für eine Delegation frei, was gerade für die Flugkosten einer Person reicht. Im Durchschnitt werden 200 Tickets pro Veranstaltung verkauft, überwiegend an deutsche Emigrantinnen und Emigranten. Die Werkschau befördert die weitere Zusammenarbeit zwischen dem MoMA und dem Staatlichen Filmarchiv der DDR.
(Filmspiegel, 6/1976, S. 22, 13/1976, S. 8; Tobias Hering: „Films from the German Democratic Republic“. Die DEFA-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York 1975. In: Leuchtkraft 2023, S. 50-62; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 189)
Dezember 1975
3. Dezember
Eine „Kooperationsgemeinschaft Film“ wird in der DDR gegründet. Der Vereinigung gehören 18 Filmeinrichtungen des Landes an, darunter alle DEFA-Betriebe, der Progress Film-Verleih, das Staatliche Filmarchiv, der DEFA-Außenhandel und die Filmstudios der Fachministerien. Filme für die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft sollen künftig enger zwischen den Institutionen abgestimmt und Schwerpunktthemen gemeinsam realisiert werden. Sekretär der Kooperationsgemeinschaft ist Rudi Burghardt.
(ND, 4. Dezember 1975, S. 2; Filmspiegel, 27/1975, S. 3)
5. Dezember
Ein zweijähriger Arbeitsplan zwischen dem Irak, vertreten durch Salam Sultan, Generalsekretär der Union der Künstler der Republik Irak, und dem Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, vertreten durch den 1. Sektretär Hermann Herlinghaus wird in Ost-Berlin unterzeichnet. Der Ausbau der kulturellen Beziehungen ist in beiderseitigem Interesse. Die DDR schließt parallel Handelsabkommen, insbesondere über die Lieferung von Erdöl.
(ND, 6. Dezember 1975, S. 18; ND, 8. Dezember 1975, S. 5; Film und Fernsehen, 4/1976, S. 46)
5. Dezember
Premiere des DEFA-Spielfilms EINE PYRAMIDE FÜR MICH (R: Ralf Kirsten) nach dem gleichnamigen Roman von Karl-Heinz Jakobs. Der Film versucht sich an kritischer Rückbesinnung zur Anfangszeit der DDR. Bezugspunkt ist die Talsperre Sosa, die eine Jugendbrigade mit erbaut hat. Karrierismus, Rivalität und Egoismus werden ebenso verhandelt wie Idealismus. Einprägsam ist die Figur des Bauern Balaschin (Rolf Ludwig), dem der Staat Land wegnahm und der auf dessen Bankrott bis zu seinem Tod warten will. Auch EINE PYRAMIDE FÜR MICH kommt um politisch motivierte Schnitte nicht herum.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 21; Filmspiegel, 27/1975, S. 14; Film und Fernsehen, 1/1976, S. 28-32; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 251f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 185)
7. Dezember
Karl Plintzner (* 1911), einer der wichtigsten Kameramänner der 1950er- und 1960er-Jahre im DEFA-Studio für Spielfilme, stirbt. In Filmen von Kurt Maetzig und Slatan Dudow lieferte Plintzners Kameraarbeit entscheidenden Anteil am künstlerischen Gesamtgelingen. Bei den Dreharbeiten zu ERNST THÄLMANN – FÜHRER SEINER KLASSE (1955) erleidet Plintzner einen schweren Unfall. Schwierige Verletzungen, von denen er sich nie ganz erholt, sind die Folge. Erst ab 1957 führt er wieder die Erste Kamera, jedoch ausschließlich bei Produktionen, die im Studio entstehen, so z.B. MAZURKA DER LIEBE (R: Hans Müller, 1957) und DAS SINGENDE, KLINGENDE BÄUMCHEN (R: Francesco Stefani, 1957), FOR EYES ONLY (R: János Veczi, 1963) oder DIE GOLDENE GANS (R: Siegfried Hartmann, 1964).
Karl Plintzer gibt sein Wissen und seine Erfahrungen gern an nachfolgende Generationen weiter. Aus seiner Schule sind unter anderem die Kameramänner Horst E. Brandt, Otto Hanisch, Erwin Anders und Günter Haubold hervorgegangen. Aus gesundheitlichen Gründen muss Karl Plintzner seine Arbeit als Kameramann Mitte der 1960er-Jahre ganz einstellen. In der Folge übt er zahlreiche beratende Tätigkeiten aus. Für seine Arbeit erhielt er mehrfach den Nationalpreis der DDR.
(Deutsche Filmkunst, 3/1958, S. 80; Information der HFF, 3/4/5/6, 1976, S. 412-414; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin ,1984, S. 237-238; Filmspiegel 7/1976; Horst E. Brandt: Karl Plintzner. In: Wir Bildermacher ... Kameramänner im DEFA-Studio für Spielfilme, DEFA-Stiftung, 2007)